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Subject:Abbasowas! Geschlechterrollen (Story von Adam und Eva)
Time:01:05 am

A B B A S O W A S !

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G E S C H L E C H T E R - R O L L E N




Geschlechterrollen


Skript zur Transidentitas Fachtagung 99

Ich möchte den heutigen Vortrag mit einer kleinen Geschichte beginnen. Es handelt sich um die uralte Geschichte von Adam und Eva , und wie es alles begann.
Adam und Eva umarmten sich und ihre Hände streichelten ihre Körper. Zu diesem Zeitpunkt benannten sie diesen Zustand nicht, sie waren einfach zwei gleichberechtigte Menschen.
Aber eines Tages wurden ihen doch Unterschiede bewußt und sie begannen sie zu benennen: "Du bist ein Mann - und du bist eine Frau. Du bist hart und du bist weich, du bist größer und du bist kleiner." Und so betrachteten sie sich argwöhnisch und nichts mehr war selbstverständlich. "Das ist gut und das ist böse; du bist schön und du bist hässlich..." Und so gab es plötzlich nur noch Unterschiede zwischen den zwei.
Und Adam sagte zu Eva: "Ich gehe auf die Jagd, und du bleibst zu Hause und richtest die Hütte." - "Warum?" fragte Eva. - "Weil du eine Frau bist", antwortete Adam.
Eva verstand die Welt nicht mehr, war sie doch bisher immer selbst gern auf die Jagd gegangen. So blieb sie zu Hause, und als Adam gegangen war, begann Eva zu weinen, und sie weinte den ganzen Vormittag. So kamen die Tränen in die Welt.
Als Adam nach Hause kam fragte er: "Was hast du denn den ganzen Vormittag gemacht?" Eva antwortete: "Das was du mich geheißen hast zu tun." - aber Adam hörte schon gar nicht mehr zu.
Adam erfand den Krieg, und Eva erfand eine Menge kleiner Dinge welche das Leben angenehmer machten, doch Adam tat Evas Erfindungen als belanglos ab. So gab es auf einmal Dinge die wichtig waren und solche die nicht wichtig waren.
Besitz war wichtig und die Verteidigung des Besitzes, die Eroberung von Besitz. Und weil Besitz eben so wichtig war erklärte Adam eines Tages Eva: "Du gehörst nur mir ganz allein."
Da endlich begriff Eva, daß es nie mehr so werden würde wie es einmal war. Es gab nun Menschen der 1. und der 2. Klasse. Besitzer und Besitzlose. Und wo immer es Klassen gibt, gibt es auch Klassenkampf. Das haben die Menschen dann später den *Kampf der Geschlechter* genannt und als gegeben hingenommen. Was macht ein Mann aus? Wann ist eine Frau eine Frau? Gibt es überhaupt so etwas wie "typisch männlich" oder "typisch weiblich"?

Wenn man mal darüber nachdenkt, dann wird man feststellen, daß eine Antwort darauf gar nicht so leicht fällt.

In Zeiten wie diesen, so kurz vor der Jahrtausendwende, ist nichts mehr wirklich sicher. Die großen Leitlinien, die unser Leben lange Zeit bestimmten, werden immer häufiger unscharf, sie sind keine sichere Basis mehr. Politische und gesellschaftliche Richtlinien verlieren langsam ihre Gültigkeit, auch wenn sie noch so intensiv beschworen werden. Was uns als Sicherheit noch übrigzubleiben scheint, ist das Materielle, das Biologische, besonders unser eigener Körper. Doch auch dieser weist zunehmend Spuren der Fragmentierung auf.
Jahrhunderte lang war der Körper so etwas wie ein sicherer Rückhalt. In Form von Nachkommenschaft konnten sich Männer ebenso wie Frauen vergewissern, daß sie den Sinn des Lebens erfüllt hatten. Über die Beobachtung des eigenen Körpers konnten wir im Laufe der Zeit, das Entstehen und Vergehen hautnah miterleben und Schmerzen sind ein wichtiges Indiz für die eigene Existenz. Aber die biologischen Unterschiede schufen die grundsätzlichen Differenzen zwischen Frauen und Männern.
Die ständige Möglichkeit der Rückkopplung an den Körper war auch die Grundlage für die unterschiedlichen existierenden Sozialgefüge: Hierarchische Verhältnisse waren genauso biologisch begründbar wie die Beurteilungen von Gut und Böse oder die Vorherrschaft des Mannes, die Biologie war aber auch Voraussetzung und Begründung von Institutionen wie der Ehe, der Familie und der elterlichen Erziehungsgewalt, der Unterscheidung von Herrschenden und Beherrschten, des unterschiedlichen Rechts auf Bildung und vieler anderer Privilegien. Der Körper bildete die Basis unserer Identität.
In vielen Bereichen hat diese biologische Grundlegung nach wie vor Gültigkeit, doch die Betonung liegt dabei auf dem "nach wie vor", denn es ist speziell die feministische Forschung, die nicht gegen den Mythos von der Ungleichheit von Mann und Frau argumentiert, sondern dabei auch die Konzepte von der biologischen Bedingtheit von Unterschieden, durchaus nicht nur hinsichtlich der Differenzen zwischen den Geschlechtern, radikal hinterfragt.

"In unseren Körpern halten wir uns auf. Doch die Körper gehen weiter".

An der Schwelle zum neuen Jahrtausend muß man die Frage eines grundsätzlich geänderten Zuganges zum Körper neu beleuchten. Der Körper steht nicht mehr für das, dessen wir uns sicher sein können, vielmehr ist er ein Subjekt/Objekt, dem wir uns ständig aufs Neue annähern müssen.
Man fragt sich, welche Interessen stehen hinter dem Faktum, daß der Körper als biologisch bestimmt begriffen wird, welche sozialen und kulturellen Phänomene sind es, die uns dazu bringen, biologische und hormonelle Phänomene als Grundlage sozialer und emotionaler Gemeinsamkeiten und Differenzen zu akzeptieren. Indem so unser gewohnter Blick auf den Körper und alle darauf aufbauenden "Selbstverständlichkeiten" radikal hinterfragt werden, ist es offensichtlich, daß der Körper plötzlich als fremd erlebt wird.
Fortschritte in Medizin und Technik lassen es beispielsweise nicht nur zu, daß die Lebensspanne der Körper wesentlich verlängert wird, sondern sie bieten auch immer neue Möglichkeiten, Körper zu verändern, indem Organe ausgewechselt oder genetisch wie chirurgisch manipuliert werden können. Die Einheit der lebenslangen Bindung an den eigenen Körper ist damit durchbrochen, wie etwa gerade an Implantaten verschiedenster Art deutlich wird.
Ein weiteres Beispiel sind die Medien im weitesten Sinn. Waren sie lange Jahre eine "Erweiterung" des menschlichen Körpers, indem ich weit entfernte Worte hören und Bilder aus anderen Teilen der Welt sehen konnte, besitzen die "virtuellen Realitäten" hier eine viel weitergehende Bedeutung, denn im "Cyberspace" kann ich die Möglichkeiten meines Körpers nicht mehr nur erweitern, sondern ich kann mir nach Belieben neue Körper auswählen und, je nach Bedarf, auswechseln oder verändern.
Derzeit sind diese Chancen noch relativ beschränkt, doch es wird wohl keine zehn Jahre mehr dauern, bis es tatsächlich möglich sein wird, rein auf medialer Basis in einen neuen Körper zu schlüpfen, mit dem ich schauen, hören, riechen und fühlen kann. Damit ist das authentische Erleben eines eigenen Körpers ebenfalls aufgelöst, wie die immer konkreter werdende Vorstellung eines beliebigen Wechsels von Körpern im "Cyberspace" zeigt.
Ausgehend von der Einsicht, daß Körper nicht mehr als wesentliches Bestimmungstück von Identität und damit auch nicht als Basis gesellschaftlicher Normen anerkannt werden können, galt es daher, den Blick auch zurück zu wenden und zu fragen, ob die biologische Grundlegung kultureller und sozialer Ereignisse in der Vergangenheit korrekt gewesen ist. Dabei zeigen viele Untersuchungen, daß eine solche Verbindung von jeher mehr als brüchig war und vor allem dazu diente, bestehende Normen zu legitimieren. Am Beispiel der Geschlechterfrage etwa läßt sich deutlich nachzeichnen, daß die Annahme der Zweigeschlechtlichkeit immer schon mehr als fragwürdig war.
Schließlich gibt es in jeder Zeit medizinische Berichte über Menschen, die rein biologisch keinem der Geschlechter zuordenbar waren, ("Hermaphroditen", "Zwitter"), aber auch Darstellungen von Jahrmarktsattraktionen, die sich eben durch eine besondere "Geschlechtlichkeit" auszeichneten. Eine genauere Suche brachte aber darüber hinaus eine Vielzahl von Biographien zutage, von Menschen, die sich zu Personen ihres Geschlechts hingezogen fühlten, von Menschen, die sich vorübergehend oder ihr ganzes Leben lang in das Gewand des anderen Geschlechts kleideten, von Menschen, die in bestimmten Situationen (etwa bei der Marine) Homosexualität ganz selbstverständlich akzeptieren und auch ausleben konnten. Je mehr solche Beispiele gefunden werden, desto mehr läßt sich die Annahme, es gäbe nur zwei Geschlechter, als Konstruktion entlarven, die lediglich dazu diente, religiöse Moralvorstellungen oder staatliche und private Hierarchien aufrechtzuerhalten.
Der Körper hat viel mehr Möglichkeiten in sich, als nur das eine oder das andere zu sein.
Die Konsequenz daraus ist einfach und kompliziert zugleich: es gilt, neben dem biologischen Geschlecht mit all seinen Unschärfen auch ein soziales Geschlecht (meist mit dem englischen Begriff "gender" bezeichnet) zu akzeptieren. "Gender" bezeichnet jenes kulturell konstruierte Geschlecht, das sagt, wie Frauen und Männer sich zu verhalten haben, es gibt rollenkonformes Verhalten vor und bestimmt nicht zuletzt auch die Biologie, indem es (in unserem Kulturkreis) etwa vorgibt, daß es nur zwei Geschlechter geben darf und daher auch gibt.
Die Geschichte zeigt freilich, daß ein Gutteil der Menschen diese Rollenzuteilung mehr oder minder auch für sich selbst übernehmen. "Gender" bedeutet daher nicht nur die Zuschreibung eines bestimmten Geschlechtes, sondern zugleich die Geschlechterrolle, in der man sich selbst wahrnimmt und in der man von anderen wahrgenommen wird.

Es ist also nicht primär die biologische Grundlegung, sondern die gesellschaftliche Rolle, die das Geschlecht, aber genauso die "Rasse" oder das Alter wesentlich bestimmen, in der Selbsteinschätzung wie in der Wahrnehmung durch andere. Ein 50jähriger Mann, der sich wie 30 fühlt und wie 30 aussieht, wird meist auch wie ein 30jähriger behandelt werden; er wird daher auch versuchen, seinen Körper so zu behandeln, daß er sich wie ein "30jähriger" anfühlt.
Daher ist es aber auch fragwürdig, biologisches und kulturelles Geschlecht und Alter zu trennen, denn ein solches zweigeteiltes Konzept war zwar eine wichtige Durchgangsstation auf dem Weg zu einer geänderten Wahrnehmung des Körpers, doch es kann nicht der Endpunkt sein: denn es macht den Körper zu einem passiven Objekt, zu einem Instrument, dem Dinge zu- und eingeschrieben werden.
Doch dieses Bild unseres Körpers kann nicht nur, wie bei den "klassischen" Vorstellungen vom biologischen Geschlecht, zwei Ausformungen, also männlich oder weiblich, haben, sondern es existieren zahlreiche Möglichkeiten, wie wir gesehen werden können und diese können im Laufe eines Lebens sich immer wieder verändern. Denn es ist nicht der Körper selbst, den wir als "unseren Körper" anerkennen, sondern es sind die Bilder, die sich andere von uns und unserem Körper machen und die uns als Bilder von Körpern in der Werbung oder im Film, in den Prospekten der Schönheitschirurgen oder in den Möglichkeiten der genetischen Veränderungen gezeigt werden.
Das Geschlecht jedenfalls, so kann gefolgert werden, ist keine Folge der Biologie, sondern eine Zuschreibung, mit der wir uns in einer kulturell vorbestimmten Weise identifizieren und ständig aufs Neue definieren. Denn so sehr gesellschaftliche Zuschreibungen dieses unser Selbstbild bestimmen, es gibt immer noch die Möglichkeit, diesen "Text" der Zuschreibung auf verschiedene Arten zu "lesen", ihn anzunehmen oder abzulehnen, ihn zu verinnerlichen oder über ihn zu lachen (freilich um den Preis, uns damit außerhalb des gesellschaftlich akzeptierten Rahmens zu stellen).

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[gefunden: 24.1.2001]


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