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G E S C H L E C H T E R - R O L L E N |
Die neue Rolle des Mannes:
Vom harten und coolen Machotyp hin zum zärtlichen Partner
Männertag: Von der Schwierigkeit, Mann zu sein
Von Walter Hollstein*
Zum Männertag fand an der Uni Basel eine Tagung statt zum Thema "Schwierigkeiten und Freuden, heute ein Mann zu sein". Hauptreferent ist Soziologieprofessor Walter Hollstein, der in einem Grundsatzartikel die traditionelle Männerrolle kritisiert. Er betont, dass die dienstleistungsorientierte Wirtschaft heute "neue Männer" braucht - und alte Männer gesundheitlich vernachlässigt werden.
Früher war alles einfacher. Und früher ist noch gar nicht lange her. Vor rund 30 Jahren war klar definiert, wie ein richtiger Mann zu sein hatte: hart, leistungsbezogen, erfolgreich, aggressiv, cool und unbarmherzig gegen sich und die anderen. Er musste jeden Anschein von weich und weiblich vermeiden.
Männlichkeit wird gesellschaftlich definiert als die Ausübung von Macht und Kontrolle, Stärke, Führung, Erfolg, Ehrgeiz und Konkurrenz. Das heisst umgekehrt, dass Männer, die nach einer solchen Rollenerwartung leben, nicht schwach, krank, gefühlvoll, fürsorglich, häuslich oder nachgiebig sein dürfen. Der amerikanische Psychotherapeut und Männerforscher Herb Goldberg hat diese Verhaltenserwartungen in sieben "männlichen Imperativen" zusammengefasst:
1. je weniger Schlaf ich benötige, 2. je mehr Schmerzen ich erdulden kann, 3. je mehr Alkohol ich vertrage, 4. je weniger ich mich darum kümmere, was ich esse, 5. je weniger ich jemanden um Hilfe bitte und von jemandem abhängig bin, 6. je mehr ich meine Gefühle kontrolliere, 7. je weniger ich auf meinen Körper achte, desto männlicher bin ich.
Dementsprechend ist die Erziehung von Jungen in unserer Gesellschaft immer noch von Kennzeichen geprägt, die eigentlich nicht mehr zeitgemäss sind: Körperkontakte in Richtung Zärtlichkeit und Schmusen werden frühzeitig abtrainiert; Gefühle von Nachgiebigkeit, Schwäche und Schmerz müssen bereits im Schulalter unterdrückt werden, weil sie als "mädchenhaft" gelten; Jungen müssen sich frühzeitig beweisen und stehen schon im zarten Vorschulalter unter dem Stress der männlichen Rollenerwartung.
Im neuesten Kompendium über Jungen schreibt der amerikanische Kindertherapeut William F. Pollack: "In einem Abhärtungsprozess, der nach gängiger Auffassung für die Entwicklung von Jungen angeblich erforderlich ist, lernen kleine Jungen, sich für ihre Empfindungen zu schämen und sich insbesondere für Schwäche, Verletzlichkeit, Angst und Verzweiflung schuldig zu fühlen." So werden Jungen in ein "geschlechtsspezifisches Korsett" gezwängt, das sie verletzt, entfremdet und verbiegt.
Männlichkeit ist zwanghaft
Die Folgen dieses "männlichen Erziehungsdramas" haben dann erwachsene Männer auszubaden - und mit ihnen ihre Familien. Die sozialmedizinische Männerforschung weist auf sechs Zwänge der männlichen Rolle hin:
- Das eingeschränkte Gefühlsleben: Männer sind zumeist im Zwang emotionaler Kontrolle gebunden. Als Folge solch eingeschränkten Gefühlslebens entstehen Feindseligkeit, Wut und Gewalt, die sich nicht selten explosionsartig entladen. So sind z.B. Amokläufe ein ausschliesslich männliches Delikt.
- Die Homophobie, das heisst: Männer haben Angst vor der Nähe zu anderen Männern. Folge: Männer haben im Vergleich zu Frauen viel weniger Freunde.
- Die Kontroll-, Macht- und Wettbewerbszwänge: Männer lernen früh, ihren Selbstwert über den Erfolg im Beruf, bei Frauen, im Sport, beim Militär, beim Autofahren etc. zu bestimmen. Ihr Selbstgefühl wird leicht erschüttert, wenn die äusseren Erfolge sich nicht mehr einstellen.
Dementsprechend können Männer wesentlich schlechter mit Erfahrungen von Arbeitslosigkeit, Zurückstufung oder Pensionierung umgehen als Frauen.
- Das gehemmte sexuelle und affektive Verhalten: Männer spalten ihre Sexualität von Zärtlichkeit und Gefühlsausdruck ab und erleben sie unter dem Aspekt von Leistung und Herrschaft.
- Die Sucht nach Leistung und Erfolg versteht sich als zwanghafte Notwendigkeit, das eigene Mannsein immer wieder erfahrbar zu machen und zu messen. Männer beziehen Selbstwertgefühl und Lebenssinn über ihre Arbeit und Gratifikationen. Ihr Leben ist Tun und Haben, nicht Lassen und Sein.
- Der schlechte Umgang mit Gesundheit und Krankheit: Männer missachten körperliche Warnsignale und sind nur schlecht in der Lage zu entspannen. Psychische Hygiene und medizinische Vorsorge werden als unmännlich betrachtet. Schon der blosse Gang zum Arzt wird häufig als Eingeständnis männlicher Schwäche gewertet.
Männlichkeit bringt Vorteile
Das alles beschränkt das männliche Lebensgefühl. Hinzu kommt, dass Männer im Durchschnitt sieben Jahre früher sterben als Frauen, kränker sind als diese, häufiger Notfallpatienten sind und sich dreimal häufiger selber umbringen als dies Frauen tun.
Freilich gibt es auch eine andere Seite dieser Männerrolle. Die geschilderten Erwartungen an Männer bedeuten umgekehrt in unserer Gesellschaft eine berufliche und politische Erfolgsgarantie. Männer profitieren von den gegebenen Machtverhältnissen statusmässig und materiell. Sie besetzen nach wie vor die machtintensiven Schlüsselpositionen, verdienen mehr als Frauen und sichern sich ihre Macht in und mit Männerbünden wie studentische Verbindungen, Rotary-Club oder Militär. Die Daten des Bundesamtes für Statistik dokumentieren die Konsequenzen: Männer steuern überwiegend technische Anlagen und warten sie, bauen, installieren und stellen her, planen, konstruieren, forschen, leiten, organisieren, führen, sichern, bewachen und wenden Vorschriften an. Frauen hingegen verkaufen überwiegend, kassieren, beraten Kunden, arbeiten im Büro, bewirten, reinigen, packen, erziehen, helfen, pflegen und versorgen. Die neue Frauenbewegung hat seit rund drei Jahrzehnten die Privilegien der Männergesellschaft kritisiert und attackiert; sie fordert die Teilung der Macht auf der einen Seite und der Pflichten im Haushalt und bei der Kindererziehung auf der anderen. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, dass sich die traditionelle Männerrolle zu wandeln beginnt. Ein anderer Grund besteht darin, dass zunehmend Männer mit ihrer eigenen Rolle unzufrieden werden, einen Leidensdruck verspüren und anders leben wollen.
Wirtschaft braucht Weiblichkeit
Der wichtigste Motor der Veränderung ist aber einmal mehr die Umstrukturierung der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. Zum Einen wird Arbeit aufgrund der mikroelektronischen Revolution weniger. Das heisst dann auch, dass Männer sich nicht mehr so wie früher über ihre Arbeit definieren können und andere Quellen der Identitätsfindung suchen müssen, zum Beispiel in der Kindererziehung, der Familienarbeit, der ehrenamtlichen sozialen Tätigkeit. Zum Zweiten verändert sich unsere traditionelle Industriegesellschaft immer mehr zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Tugenden wie Muskelkraft, Durchsetzungsvermögen, Routine, Disziplin, Unterordnung, die die Industriegesellschaft brauchte, sind in der Dienstleistungsgesellschaft nicht nur überflüssig, sondern häufig sogar kontraproduktiv geworden.
Die Dienstleistungsgesellschaft der Banken, Freizeitbetriebe, Geschäfte, Tourismusunternehmen und Bildungs- und Fortbildungseinrichtungen benötigt Freundlichkeit, Empathie, die Fähigkeit des Zuhörens, Fantasie, Kreativität, Hilfsbereitschaft und Kooperation und Teamgeist. Das aber sind Eigenschaften, die eher Frauen als Männern zugeschrieben werden, weil Frauen sie frühzeitig und besser erlernt haben. Von daher gibt es z. B. in den USA bereits Betriebe, die ihre männlichen Angestellten "weiblich nachsozialisieren". Alle Arbeitsmarktprognosen weisen aus, dass weibliche Tugenden in Zukunft stärker gefragt sein werden als die traditionellen männlichen.
Männer bewegen sich
Die Geburtsstunde der Männerbewegung fällt in das Jahr 1970. Damals gründeten Männer im kalifornischen Berkeley das erste Männerzentrum. In einem Manifest, das sie formulierten, hiess es: "Wir als Männer wollen unsere volle Menschlichkeit wiederhaben. Wir wollen nicht mehr länger in Anstrengung und Wettbewerb stehen. Wir möchten uns selbst gern haben; wir möchten uns gut fühlen und unsere Sinnlichkeit, unsere Gefühle, unseren Intellekt und unseren Alltag zufrieden erleben." Solche Forderungen treffen sich also durchaus mit dem Zeitgeist modernen Wirtschaftslebens - nur haben das noch nicht alle gemerkt. Männerbewegung bedeutet:
- Eine Männerliteratur, in der Männer ihre Männlichkeit reflektieren.
- Männergruppen, in denen sich Männer treffen, um ihre Probleme und Perspektiven zu besprechen.
- Männerzentren, die Information und Beratung für Männer anbieten.
- Männertherapien, mit denen spezifische Männerprobleme (z. B. die beschriebenen männlichen Zwänge) behandelt werden.
- Männerforschung, die versucht, die patriarchale Geschichte und Gesellschaft zu analysieren.
Das Epochale an dieser Männerbewegung ist unzweifelhaft, dass Männer zum ersten Mal in der Geschichte über sich selbst als Männer nachdenken dürfen und müssen. Das heisst zweierlei: Zum Ersten haben Männer heute die Möglichkeit, ihr Rollenkorsett von Härte, Erfolgszwang und Pokerface zu lockern. Und zum Zweiten: Männer haben heute die Möglichkeit zu sehen und zu erleben, wer sie wirklich sind, statt sich nur von aussen definieren zu lassen und damit gesellschaftlichen Erwartungen zu unterliegen.
*) Der Autor ist Professor für Soziologie im Institut für Geschlechter- und Generationenforschung der Universität Bremen.
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Passt auch noch gut dazu: Männer - Das kranke Geschlecht http://www.berliner-morgenpost.de/archiv2000/001022/biz/story356800.html (inzwischen futsch)
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