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NATUR ODER KULTUR... GESCHLECHTERROLLEN... GLEICHBERECHTIGUNG?! |
Und wieder fühle ich mich schuldig... [Dr. Christa Mulack (Tonband-Abschrift)]
Eine Bemerkung vorweg: Gleich werde ich hören, daß dieses oder jenes bei hier anwesenden Frauen oder Männern nicht so ist, wie ich es beschreiben werde. Aber die Wissenschaft muß verallgemeinern und vom Einzelfall absehen, um Allgemeines sichtbar zu machen. Insofern spreche ich in meinem Vortrag verallgemeinernd von Männern und Frauen. Ich werde im Vortrag entlang meines Buches* gehen und versuchen, dem Ganzen eine Struktur zu geben: 1. das Phänomen, 2. die Analyse, 3. die Lösung. So einfach ist das.
1. Das Phänomen
Also ich bin ihnen landauf, landab begegnet - den weiblichen Schuldgefühlen -, die kein männliches Pendant haben. Und dazu muß ich vielleicht erklärend etwas sagen. Und zwar rede ich von einer kollektiven Schuldebene. Das heißt: Ich spreche nicht über persönliche, berechtigte Schuldgefühle. Wenn ich also sage, daß ich diesem Phänomen bei Männern nicht begegnet bin, dann meine ich das in dieser kollektiven Weise. Das heißt jetzt nicht, daß ich meine, daß alle Schuldgefühle, die Frauen haben, unberechtigt sind. Ich meine auch nicht, daß Männer nie oder gar keine Schuldgefühle haben, sondern das Phänomen, daß Frauen permanent Schuldgefühle entwickeln, ohne daß erkennbare Schuld vorliegt, und daß sie sich sogar für konträre Verhaltensweisen - egal, ob sie sich so oder so verhalten - gleichermaßen schuldig fühlen. Oder daß in bestimmten Situationen immer wieder deutlich wird, daß Frauen sehr viel schneller bereit sind, sich schuldig zu fühlen, Verantwortung zu übernehmen: Ich bin hier verantwortlich oder schuldig. Ich benutze hier Schuld und Verantwortung als Synonyme. Da kann man darüber diskutieren, aber ich mache das mal so. Ich bin diesem Phänomen also landauf, landab begegnet und denke, daß es erklärungsbedürftig ist. Und das versuche ich heute. Ich habe nämlich festgestellt, daß - so sehr Frauen sich unterscheiden - Schuldgefühle nicht ein klassenspezifisches Phänomen sind oder ein berufsspezifisches oder ein altersspezifisches. Völlig egal, welche Frauen dies sind, welcher Gruppe, welcher Berufsschicht oder welcher Weltanschauung sie angehören, es ist immer dasselbe, sie fühlen sich schuldiger als Männer. Und von daher haben Schuldgefühle von Frauen sozusagen verbindende Kraft; aber natürlich nicht wörtlich. Schuldgefühle können uns nicht verbinden, sondern sie bauen Schranken auf. Dabei scheint es im Grunde genommen völlig egal zu sein, wofür oder wogegen Frauen sich entscheiden.
Als Frauen fühlen sie sich zum Beispiel schuldig,
- wenn sie kinderlos sind, entweder weil sie zu den Rentenbeiträgen nichts beitragen, wie ihnen dann vorgeworfen wird, oder aus was für Gründen immer. Sie fühlen sich aber auch schuldig, wenn sie Kinder haben oder weil sie Kinder in diese Welt gesetzt haben.
- Als Mißhandelte fühlen Frauen sich schuldig, weil sie der Anlaß männlicher Aggressionen waren, oder aber sie fühlen sich schuldig, weil sie sich nicht zur Wehr gesetzt haben.
- Als Töchter fühlen Frauen sich schuldig, wenn sie keine Nähe zu ihrer Mutter empfinden; oder aber sie fühlen sich schuldig, weil sie sich zu sehr mit ihr verbunden fühlen und die sogenannte Ablösung nicht geschafft haben.
- Als Studentinnen und junge Frauen, die in der Ausbildung sind, fühlen sie sich schuldig, wenn sie noch studieren und keinen Partner vorweisen können; oder aber sie fühlen sich schuldig, wenn sie für die Ehe das Studium aufgegeben haben und keinen eigenen Beruf vorzeigen können.
- Als Mütter fühlen sie sich schuldig, wenn sie vom Geld des Ehemannes leben; oder aber sie fühlen sich schuldig, wenn sie berufstätig sind und nicht genügend Zeit für die Kinder haben.
- Als politisch Engagierte fühlen sie sich schuldig, weil sie nicht gegen den Krieg, gegen den Golfkrieg zum Beispiel, demonstriert haben; oder aber sie fühlen sich schuldig, weil sie nur demonstriert haben.
- Als konsumbewußte Mütter fühlen sie sich schuldig, weil sie wieder einmal ihren Kindern überflüssige Süßigkeiten gekauft haben, oder aber sie fühlen sich schuldig, weil sie ihnen genau diese Dinge vorenthalten.
- Als treue Kirchgängerinnen fühlen Frauen sich schuldig, weil Jesus für ihre Sünden sterben mußte, oder aber sie fühlen sich schuldig, weil sie nicht daran glauben können, daß er für sie starb.
- Als kritische Christinnen fühlen sie sich schuldig, weil sie auf den männlichen Gottesdienst mit Aggressionen reagieren, oder aber sie fühlen sich schuldig, wenn sie aus Ärger ganz fern bleiben.
Als pietistische Christinnen finden sie immer Gründe, sich schuldig zu fühlen, schließlich fühlen sie sich schuldig, wenn sie sich nicht schuldig fühlen.
Das sind alles Originalaussagen, ich habe sie nirgends abgeschrieben, ich habe sie mir auch nicht ausgedacht, sondern ich habe sie einfach nur im Laufe einer bestimmten Zeit gesammelt. Das heißt: Es gibt viele Bereiche, wo Männer überhaupt nicht dazu kommen, Schuldgefühle zu entwickeln.
- Da ist zum Beispiel der autistische Säugling: Sicher hat sie sich nicht genug auf ihn gefreut.
- Da ist das Nacht für Nacht schreiende Kind: Sicher macht sie etwas verkehrt und kennt seine Bedürfnisse nicht.
- Da sind die schlechten Noten in der Schule: Sicher hat sie sich nicht genügend um die Hausaufgaben gekümmert.
- Da ist die Drogensucht des Sohnes: Sicher wurde er zu früh abgestillt.
- Die Magersucht der Tochter: Sicher hat sie zu wenig Anerkennung und Liebe bekommen für ihre Leistungen.
- Da ist die vaterlose Familie: Sicher wird der Sohn geschädigt, weil ihm das männliche Vorbild fehlt. Frauen würden nicht darauf kommen, daß sie vielleicht ihren Kindern den Vater ersparen. Solches ist natürlich unmoralisch.
Aber, diese Schuldgefühle haben natürlich auch Ursachen - nämlich Schuldzuweisungen, die von der Gesellschaft ausgehen; egal, wer das ist. Es kann die Nachbarin sein, es kann die Schwiegermutter, der Schwiegervater, es können die Psychologen, die Politiker sein, wer auch immer, Theologen natürlich auch. Denn:
- Mißrät der Sohn, dann ist die Mutter schuld.
- Geht der Mann fremd, so wurde er von seiner Frau bestimmt vernachlässigt.
- Geht sie fremd, so ist sie eine Hure.
- Mißhandelt er sie, so hat sie ihn provoziert.
- Vergewaltigt er sie, hat sie es nicht anders gewollt.
- Mißbraucht er die Tochter, so hat diese ihn verführt oder die Ehefrau sich verweigert.
- Kauft er sich eine Asiatin, so ist die Emanzipation der Frauen schuld daran. Denn inzwischen sind auch die Frauen nicht mehr das, was sie einmal waren, und schon gar nicht das, was Männer sich wünschen.
Ich denke mal, Sie können die Liste beliebig fortsetzen. Es wimmelt nur so von Schuldgefühlen, weil es nur so von Schuldzuweisungen wimmelt. Und das nun ist der berühmte Trick.
2. Die Analyse
Wir leben in einer Kultur, in der die Definitionsmacht in den Händen von Männern liegt. Männer bestimmen nicht nur das, was Wahrheit ist, was Wissenschaft ist, was ein rechter Mann ist, was eine rechte Frau ist. Männer definieren auch, was gut und böse, was richtig, was falsch, was sinnvoll, was sinnlos ist. Kurz: Sie definieren, was Schuld ist und das für die Frauen gleich mit. Und sie definieren auch, auf welche Weise sich Vergebung vollziehen muß. Und das nun geht meines Erachtens an den Bedürfnissen von Frauen vorbei. Wenn Männer ehrlich sind, vielleicht auch an ihren Bedürfnissen, nämlich an den Bedürfnissen, daß sie wirklich erwachsen und emanzipiert werden. Schauen wir uns das noch einmal kurz an, wie das Muster läuft.
Da haben wir einen Ursprungsmythos des Patriarchats. Den kennen wir vielleicht alle: Da ist die leidige Adam-und-Eva-Geschichte. Wir wissen das. Die Frau kam als zweite in die Welt und hat als erste gesündigt. Das ist das Frauenbild des Patriarchats. Und ich denke, daß dieser Eva-Mythos sich ganz tief eingefressen hat in Männer- und Frauenseelen. Es heißt, daß Frauen in der Tat wirklich mit einer Erbschuld als Frau auf die Welt kommen. Ich kenne viele Frauen, die sich allein deswegen schuldig fühlen, weil sie Frauen sind. Weil Frausein und Schuld vom Ursprungsmythos her schon verbunden sind, während in diesem Mythos - ich brauche ihn wohl nicht zu erzählen - der Mann mit etwas anderem verbunden ist. Seine Schuld läuft irgendwie nebenher, im Neuen Testament wird sie ganz und gar geleugnet. So sagt der erste Timotheus-Brief, er sei gar nicht verführt worden und deswegen müßte er die Frau beherrschen. Aber ich denke, der Adam-und-Eva-Mythos ist eine Grundlage für männliche Schuldverschiebung. Als Gott der Herr nämlich den Adam zur Rechenschaft ziehen will, weil er vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, da sagt Adam: "Das Weib, das Du mir gabst, gab mir zu essen, also aß ich." Das heißt, er kann natürlich gar nichts dafür. Die Frau ist schuld; wenn nicht gar Gott der Herr persönlich, er hat ihm die Frau gegeben. Aber er ist auf keinen Fall schuld.
Und dieser Mechanismus zieht sich durch die ganze Patriarchatsgeschichte. In allen Kulturen, die vom Matriarchat ins Patriarchat umgekippt sind, können wir recht ähnliche Mythen finden. Immer gibt es eine weibliche Urschuld oder es gibt ein weibliches Vergehen, das Männer ahnden mußten. Und in der Frage dieser Ahndung mußten sie dann die Herrschaft übernehmen und führten dann Rituale ein, erzählen Mythen, damit sie die Herrschaft behalten können. Und ich denke, die Adam-und-Eva-Geschichte ist genau so ein Organisations-Mythos unserer patriarchalen Entwicklung.
Vom ersten Mechanismus: Schuldverschiebung - Männer sind nie schuld!
Zum Beispiel in der Politik: Wo gibt es einen schuldigen Politiker, der sagt: Ich habe Schuld? Schuldig sind nur die anderen. Sie werden verleumdet und die Verantwortung, die sie sich teuer bezahlen lassen, übernehmen sie nie. Sie nehmen höchstens den Hut oder die dicke Rente und dann treten sie ab. Auch die Verantwortung zu übernehmen - ich habe das noch nicht erlebt, daß dies geschieht. Gleichzeitig heißt es, Frauen wären nicht verantwortungsbewußt. Frauen wären nicht bereit, Verantwortung zu tragen in dieser Kultur. Und darum werden sie von bestimmten Machtbereichen ausgeschlossen. Oder auch: Sie schließen sich ja selber aus, weil sie diese Bereitschaft nicht haben. Ich denke, weil Männer so verantwortungslos sind, können sie so leichtfertig Verantwortung übernehmen, die sie am Ende zwar nicht übernehmen, sondern für die sie sich lediglich bezahlen lassen. Denn welcher Mann will denn wirklich Verantwortung übernehmen zum Beispiel für ein Atomkraftwerk? Was ist denn das für eine Übernahme von Verantwortung? Das geht doch überhaupt nicht. Und ich denke, daß Frauen sehr schnell durchschauen, daß sie bestimmte Verantwortung nicht übernehmen können, weil sie verantwortungsbewußt sind. Und daß sie deswegen von vornherein ablehnen, sich für etwas bezahlen zu lassen, das sie am Ende nicht übernehmen können. Ich denke, es ist wesentlich ehrlicher.
Der nächste Schritt - auch in der Bibel - geht von der Schuldverschiebung zur Tabuisierung der männlichen Schuld.
Sie alle kennen vielleicht auch die Kain-und-Abel-Geschichte. Und das Eigenartige ist ja, weil Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, muß sie mit Schmerzen Kinder gebären und sich vom Mann beherrschen lassen. Eine schöne Strafe. Im nächsten Mythos hat Kain einen Mord begangen. Aber das scheint lange nicht so schwer zu wiegen, denn nun wird der Mörder beschützt. Gott der Herr erweist sich hier als einer, der den Mörder in Schutz nimmt. Der Schutz des Mörders liegt ihm so sehr am Herzen. Und er geht auch noch so rabiat vor: Er sagt, wer Kain verurteilen will - denn nach damaligem Recht galt: Wer Blut vergossen hat, dessen Blut mußte wieder vergossen werden: Das ganze Alte Testament oder die hebräische Bibel ist voll von Urteilen, wo Menschen zum Tode verurteilt werden aufgrund von geringen Handlungen. Nun aber heißt es, wer das Blut des Kain vergießt, wer also hier darauf beharrt, daß das Recht angewandt wird, dessen Blut soll siebenfältig vergossen werden, das heißt, sieben Morde gegen einen Verurteilten. Und das ist nun der Gipfel der Tabuisierung männlicher Schuld, das heißt, der männliche Gott ergreift Partei für den Täter, für den Mörder - und das ist ein Mann. Ich bin ganz sicher, wenn an dieser Stelle eine Frau ihren Mann erschlagen hätte, Gott der Herr hätte sie sicher nicht in Schutz genommen - da bin ich ganz sicher, oder zweifeln Sie daran? Diese Tabuisierung männlicher Schuld, die also hier im Ursprungs-Mythos des Patriarchats beginnt, zeigt sich als System. Man hat ja diese Mythen an den Anfang der Überlieferung gestellt. So wird deutlich, wie wichtig diese Mythen sind. Diese Tabuisierung männlicher Schuld setzt sich dann fort.
Heuchlerischer Höhepunkt ist bei uns in Deutschland die Abtreibungs-Debatte. Es gibt inzwischen eine Postkarte, da sind zwei Männer im schwarzen Rock, ein Jurist und ein Theologe, und dann steht darüber: "Für Abtreibung bin ich nur bei meiner Freundin." Und zwar hat das ganz konkrete Hintergründe. Sie haben vielleicht den Fall von Memmingen verfolgt, wo die Frauen ja scharenweise vors Gericht mußten, wo der Dr. Theyssen verurteilt worden ist. Und der Richter, der diese Verurteilung vornehmen sollte, hatte zehn Jahre zuvor seine eigene Freundin in die Praxis dieses Doktor Theyssen geschickt zum Abtreiben. Und nun sollte er also genau diesen Doktor und die Frauen verurteilen. Dasselbe Phänomen hat es in der katholischen Kirche. Dort werden immer wieder Frauen, die von Priestern schwanger werden, von Bischöfen aufgefordert abzutreiben, weil ihnen die katholische Kirche aus ihrem Fonds immerhin 18 Jahre lang Alimente bezahlen müßte. Und es kommt dann natürlich billiger abzutreiben. Und ich meine, dies ist nun also wirklich Heuchelei, denn wer tritt vehementer gegen Abtreibung auf als genau diese Kirche! Dann gibt es natürlich Grauzonen, aber über diese wollen wir gar nicht reden... Es gibt ganz verschiedene Dimensionen dieser Tabuisierung männlicher Schuld. Ich kann hier nur einige wenige aufzeigen, und muß ansonsten auf mein Buch verweisen.
Mir ist das in der Aktualität vor ungefähr etwa zehn Jahren das erste Mal aufgefallen. Und zwar hatten wir damals diese Exxon-Katastrophe oben in Alaska. Sie erinnern sich vielleicht: Ein Tankschiff ist aufgelaufen und dessen Kapitän, oder wer immer daran schuld war, war betrunken. Wenn wir analysieren, wer an diesem Unglück beteiligt ist, dann würde ich sagen, ist es von der Ölquelle an, über die Technik, über die Tankschiffe, über die Multigesellschaften, die nun daran wieder verdienen, eine lückenlose männliche Schuldkette. In den Zeitungen war aber immer zu lesen von menschlichem Versagen. Und Sie müssen sich mal merken: Menschliches Versagen heißt zu neunundneunzig Prozent: männliches Versagen. Wenn sie das aber laut sagen, dann sind Sie bestimmt eine Männerhasserin. Denn diese Wirklichkeit darf in dieser Kultur nicht benannt werden. Die Zeitungen haben das ihre dazu getan. Ich habe nirgends einen Hinweis darauf gefunden, daß diese ganze Katastrophe eine von Männern verursachte Katastrophe war. Statt dessen konnte man in der Bild-Zeitung lesen: "Das Öl vergiftet uns alle". Das Öl wurde hier zum schuldigen und handelnden Subjekt. Und das müssen Sie sich auch mal merken: Wo immer es um männliche Schuld geht, gibt es kein handelndes Subjekt. Männer, die sich immer vorne anstellen, die immer in männlicher Form genannt werden wollen - da, wo es um Schuld geht, erscheinen sie einfach nicht. Ich werde Ihnen noch andere Beispiele geben. Dann heißt es einen Tag später, nachdem sich der Wind gedreht hat: "Der Wind ist gegen uns". Der Mann taucht nie auf. Oder es hieß: "Das Öl tötet die Fische und die Vögel". Nie aber: Das sind Auswirkungen von männlicher Profitgier, männlicher Verantwortungslosigkeit oder männlichem Dilettantismus, egal wie wir das nennen wollen, darüber könnte man diskutieren.
Und dieses Phänomen, daß also Männer einfach nicht erscheinen, das können wir auch auf anderer Ebene finden.Wenn Sie zum Beispiel sozialwissenschaftliche Bücher lesen, und da geht es um Gewalt, um die eheliche Gewalt. Da kann es doch sein, daß im ganzen Buch Männer als Täter nicht vorkommen. Es heißt immer: "Die Gewalt hat zugenommen". Also: die Gewalt = handelndes Subjekt. Aber nicht: "Gewalttätige Männer werden immer zahlreicher und immer brutaler". Der Gipfel dieser Beispiele ist in einem Buch beschrieben. Da hat ein Ehemann mit einem Stock die Ehefrau an den Kopf geschlagen, dann hat er mit einem Schlauch auf ihre Arme und Beine eingepeitscht. Und hat sie festgebunden an der Heizung. Und am Ende fragen die Autoren, die dieses Buch geschrieben haben: "Wie kann ein Paar sich nur gegenseitig so etwas antun?" Das heißt, die Frau als Opfer verschwindet, der Mann als Täter auch, und es bleibt dabei. Oder: Gewalt im Sport.
Da gab es vor einiger Zeit eine Tagung über Gewalt im Sport. Und dann war immer davon die Rede, daß Jugendliche immer gewalttätiger werden. Obwohl wir wissen, daß "Jugendliche" eigentlich Jungen und Mädchen sind, daß aber das Phänomen Gewalt im Sport ein rein männliches Phänomen ist. Vom Frauensport wüßte ich nicht, daß es dort gewalttätige Ausschreitungen gäbe oder daß Spiele abgebrochen werden müssen, weil die Frauen sich nicht benehmen können. Das heißt: Es wird so getan, als ob "Jugendliche" kein geschlechtsspezifisches Phänomen sei. Wenn wir aber genau hingucken, sehen wir Jungen und Männer, die es betrifft, und das wird nicht bewußt gemacht. Es heißt also, entweder werden Handlungen einfach ohne Subjekt beschrieben. Da heißt es z.B.: "Schwarze Frauen werden unverhältnismäßig häufiger mißhandelt als weiße Frauen." Also: Es scheint so, obwohl natürlich hier die Frauen Objekt sind, als ob sie Subjekt seien. Oder es heißt, das gewalttätige Verhalten oder die Prügel, die Mißhandlung, die ist also brutal. Es ist nicht der Mann brutal, der mißhandelt. Oder: Es gibt eine Geschlechtervernebelung: "Warum bleiben geschlagene Frauen bei ihren Freunden, die sie verprügeln?" Also die Frage ist hier nicht mehr "Warum benehmen sich Männer so?", sondern es wird umgedreht: "Wieso bleiben die Frauen?" Schuldig sind am Ende wieder die Frauen. Weil die Frage ist: Warum bleibt die Frau? Ja - und das läßt sich unendlich fortführen. Aber ich will ja nicht allzulange bei der Analyse stehen bleiben. Ich möchte schon mit der
3. Lösung
anfangen, weil die ja doch wohl das Wichtigere ist. Da geht es natürlich in erster Linie - wie immer - um eine Sensibilisierung von Wahrnehmung. Das heißt: Wir müssen erkennen, wann uns Schuld zugeschrieben wird. Das passiert nämlich schon in dem Augenblick, wo zum Beispiel bestimmte Rollen definiert werden.
Es ist immer so, daß Geschlechterrollen-Definitionen regelmäßig zugunsten der Männer und zulasten der Frauen ausfallen. Männer haben ja den Bereich Geldverdienen und Frauen den Bereich emotionale und physische Versorgung. Die geistige Versorgung, die besorgt eine männliche Institution. Und schon aufgrund dieser Arbeitsteilung können Frauen permanente Schuldgefühle entwickeln, denn die emotionale Versorgung ist nie so gut, wie sich die Versorgten, die zu Versorgenden wünschen. Das heißt auch, in der Ehe zum Beispiel, was Linie ist, was eine gute Ehefrau ist, wird wieder von männlichen Bedürfnissen diktiert. Wenn sie etwas an ihm auszusetzen hat, dann wird er sagen, sie muß einmal zum Arzt oder zum Psychotherapeuten gehen, oder ob sie wohl gerade ihre Menstruation hat oder was eigentlich mit ihr los ist. Aber er wird keine Schuldgefühle entwickeln, wenn sie unzufrieden ist. Wenn er aber unzufrieden ist, wird sie sofort von sich aus zum Therapeuten rennen und sich ändern wollen und alles Mögliche tun, damit er ja zufrieden ist. Ich möchte ein Beispiel geben: Stellt Euch mal vor - in einer kirchlichen Sonntagspredigt sitzen also Mann und Frau (was natürlich höchst selten vorkommt, meistens sitzen die Frauen alleine). Sitzen also da Mann und Frau im Gottesdienst und hören sich die Predigt an. Nun redet der Pfarrer über Liebe. Denn, Liebesmangel ist eine große Ursünde des Menschen schlechthin, Mangel an Gottesliebe und Nächstenliebe. Kann man in allen theologischen Büchern nachlesen. Sagt also der Pfarrer: "Ja, ihr liebt nicht genug. Wir müßten viel mehr lieben." Dann wird der Ehemann denken: "Ja, das habe ich ihr immer gesagt. Sie liebt mich nicht genug. Die Kinder leiden auch schon darunter." Sie wird denken: "Na ja, vielleicht hat er ja recht. Habe ich noch nicht genug gemacht." Sie wird nie auf die Idee kommen, das auf ihn zu schieben. Weil Frauen schon von ihrer Psyche her, schon von ihrer psychischen Entwicklung her, sich sehr viel stärker identifizieren - und Männer, auch von ihrer psychischen Entwicklung her, sich sehr viel stärker distanzieren. Das hängt mit der frühgeschlechtlichen Erziehung zusammen, wo ja Männer sich von der Mutter distanzieren müssen und Mädchen sich mit der Mutter identifizieren. Und das bleibt praktisch ein Leben lang, daß Frauen immer wieder bereit sind, sich mit Dingen zu identifizieren, wo sie auf Distanz gehen müßten. Also: Frauen müssen eine eigene Definitionsmacht entwickeln. Sie selbst definieren, was Schuld ist und was nicht. D.h. Sie nehmen sich das selbstverständliche Recht, das Männern seit Jahrtausenden eh schon zukommt, das sie gar nicht hinterfragen, das ihnen absolut selbstverständlich ist. Setzen Sie Ihre eigene Definition entgegen und erklären Sie, warum das für Sie nicht schuldhaftes Verhalten ist oder nicht Schuld ist. Gleichzeitig definieren Sie Ihre Art und sprechen Sie aus, wer Ihres Erachtens schuldig ist.
Denn diese Gesellschaft lebt davon, daß männliche Schuld nicht genannt wird. Mir ist die Tatsache, daß es sich hier um ein Tabu handelt, eigentlich erst richtig deutlich geworden auf Veranstaltungen, wo ich regelmäßig erfahren konnte, wenn ich Frauen irgendwelche Fehlverhalten gesagt habe - das macht ihr falsch - dann sagten sie: "Na ja, das machen wir falsch." Wenn ich das Fehlverhalten von Männern aufgezeigt habe, dann gingen sie wie von der Tarantel gestochen hoch und haben gesagt: "Das ist aber männerfeindlich." D.h. die Frauen sind die größten Schützerinnen der Männer. Und ich habe mich gefragt, wie kommt das? Wieso ist es nicht frauenfeindlich, wenn ich Frauen ihre Schuld aufzeige, aber männerfeindlich, wenn ich Männern die Schuld aufzeige. Wie kommt das? Und dann habe ich langsam kapiert, daß es wirklich ein Tabu ist. D.h. je männlicher Männer in unserer Kultur sind, desto stärker haben sie ein Anrecht auf die Tabuisierung ihrer Schuld. Wenn sie in der Machthierarchie nach unten gehen, also: Relativ ohnmächtige Männer sind auch relativ schuldiger, d.h. haben weniger Anrecht auf Verdrängung und Tabuisierung ihrer Schuld. Allerdings haben sie immer noch ein größeres Anrecht auf Tabuisierung ihrer Schuld als Frauen. Und ich weiß nicht, ob Sie das verfolgt haben, die Bischöfin von Nordelbien, Maria Jepsen, die fertiggemacht wurde, weil ihr Kirchenkreis ein Haus von 1 Mio. Mark - was lächerlich ist in Hamburg bei den Grundstückspreisen - als Bischofssitz gekauft hat. Kein männlicher Bischof hätte sich so etwas bieten lassen - niemals. Jemand ist hingegangen und hat mal nachgerechnet, was die Häuser der Pfarrer wert sind, die diese Kampagne gegen die Bischöfin gestartet haben, und da war der höchste Wert 1,6 Mio. Aber für 1 Mio. Mark für den Bischofssitz wurde Randale gemacht. Wie gesagt, es war eine Frau. Es werden immer andere Maßstäbe angesetzt. Und ich denke, es ist Zeit, daß Frauen eigene Maßstäbe entwickeln müssen. Mit der Wiedergewinnung der Definitionsmacht hängt natürlich auch zusammen, ich sagte es schon, daß wir unsere Schuld, aber auch unsere Unschuld definieren lernen. Ich kann bei Frauen immer wieder feststellen, daß so im Alter von vier, fünf Jahren bei Mädchen ein Moment eintritt, wo sie beschuldigt werden, ohne daß sie wissen, wieso sie schuld sind. Da laufen mir also Geschichten über den Weg: "Ich sollte mich entschuldigen, bei meinem Vater entschuldigen" - oder sonst was - "und ich sollte in der Ecke stehen und ich durfte nicht eher wieder raus, als bis ich mich entschuldigt hätte. Aber ich wußte gar nicht, was ich getan habe." Da aber nun ein kleines Mädchen diese Situation nicht sehr lange aushält, entweder, weil bald der Papi von der Arbeit kommt und er sie nicht in der Ecke stehen sehen soll, oder auch, weil sie an den Haaren durch die Wohnung gezerrt werden und vor den Vater gestellt werden: "Jetzt entschuldige dich" - und sie wissen nicht wofür. Weil sie diese Situation nicht lange aushalten und merken, daß die elterliche Zuwendung davon abhängig ist, daß sie ihre Schuld anerkennen. Dann erkennen sie natürlich an. Und an dieser Stelle werden die Seelen korrumpiert. D.h. sie tauschen Zuwendung gegen Schuldbekenntnis.
Und genau diesen Mechanismus, den finden wir auch in der Kirche. Ich habe Jugendliche im Religionsunterricht gehabt; es waren ganz fantastische Jungen und Mädchen, die mir das erzählt haben. Und andere haben ihr Amt als Kindergottesdienstlehrerinnen und -lehrer niedergelegt, weil der bezügliche Pfarrer ihnen vorschrieb, daß sie bestimmte Geschichten so erzählen sollten, daß die Schuldgefühle der kleinen Kinder im Vorschulalter angesprochen und sozusagen sensibilisiert werden. D.h. daß kleine Kinder schon auf ihre Schuld hingewiesen werden sollten. Damit sie dann nachher umso leichter den Gekreuzigten zur Vergebung ihrer Sünden akzeptieren können. Und das finde ich etwas ganz Perfides. Erst werden die Menschen zugerichtet. Oder aber auf einer anderen Ebene, wenn die nordelbischen Bischöfe 1985 ihre Thesen als Stellungnahme zur feministischen Theologie herausgegeben und dort erklärt haben: "Nach Aussagen des biblischen Menschenbildes ist das Zentrum des Menschen die Sünde". Und dann ist da der Topf, auf den der Deckel paßt: "Das Zentrum des christlichen Glaubens ist, daß Jesus für unsere Sünden gestorben und dann vom Tode auferstanden ist."
D.h. wenn ich also nicht diese permanent eingetrichterten Schuldgefühle habe, dann kann ich mit dieser Art der Erlösungs-Theologie überhaupt nichts anfangen. Was soll denn das Ganze? Und das Perfide ist dann, das es einerseits heißt: Jesus ist für unsere Sünden gestorben und hat so befreit von Schuld. Insofern müßten Christen die befreitesten Menschen überhaupt sein. Es sind aber diejenigen, die die höchsten Zahlen an ekklesiologischen Schuldneurosen entwickeln. Warum - wenn sie doch von Schuld befreit sind? Auf der anderen Seite werden uns massive Schuldgefühle gemacht. Denn nun heißt es: "Wir sind Schuld am Tode Jesu." "Ich, ich habe verschuldet, was du getragen hast." D.h. mein Fehlverhalten heute hat ihn vor 2000 Jahren ans Kreuz gebracht. Das muß man sich wirklich mal vorstellen. Und das ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Warum? Weil die Schuld zum Zentrum des Menschenbildes gemacht wird und das ist völlig unjesuanisch. Für Jesus war die Liebesfähigkeit und die Vergebungsfähigkeit des Menschen - das war für ihn Zentrum des Menschen. Und an dieses Zentrum hat er immer wieder appelliert. Dieses Zentrum wollte er stärken mit seiner Lehre. Aber niemals ist er davon ausgegangen, daß die Sünde Mittelpunkt des Menschen sei. Ich denke, sündigen müßte ein Menschenrecht sein.
Wenn wir also zurückfinden zu einer ursprünglichen Schuld und erkennen, daß wir nicht nur schuldig sind, sondern genauso auch unschuldig, weil wir permanente Opfer sind in einer Kultur, die wir nicht geschaffen haben, in einer Religion, die uns übergestülpt worden ist, daß wir gar keine andere Wahl hatten, als dieser Religion anzugehören - einem Frauenbild ausgeliefert sind, das nicht unserer Wahrnehmung und auch nicht unseren Bedürfnissen entspricht, daß wir in einer juristischen Umklammerung sind. Wir alle müssen funktionieren auf der Grundlage von Gesetzen, die ausschließlich von Männern geschaffen worden sind. In Deutschland sind die Eckpfeiler des Gesetzes einmal das Römische Recht und zum andern das Nazi-Recht; da sind immer noch beide Kräfte wirksam. D.h. wir leben im Grunde genommen in einer uns fremden Kultur, die wir immer nur unterstützen durften. Wenn Frauen aber etwas anderes gelebt haben, wurden sie auf Scheiterhaufen verbrannt, und das durch Jahrhunderte hindurch. Es waren die Frauen, die Eigenes leben wollten, die ihre eigenen Lebensentwürfe hatten, manchmal aber auch nur perfide diffamiert worden sind, weil sie irgendwelche sexuellen Ansinnen von Männern abgelehnt haben, oder weil dem Nachbarn eine Kuh gestorben ist. Ich denke, daß wir auf diesem Wege zu unserer Seins-Macht zurückkommen: d.h. zu dem Wissen, daß wir, wenn wir das Bewußtsein entwickeln, nicht ohnmächtig sind. Wir mögen vielleicht politisch ohnmächtig sein, das sei einmal dahingestellt. Aber ich denke, es gibt andere Macht als politische Macht. Es gibt so etwas wie Seins-Macht, die wir einfach kraft unseres Seins haben. Es ist ja typisch, daß Männer und Frauen wiederum Macht völlig anders definieren. Der Machtbegriff, der den Sozialwissenschaften und auch der Politikwissenschaft zugrunde liegt, kommt von Max Weber. Der bedeutet: Sich selbst behaupten, auch gegen den Widerstand anderer, seiner Bedürfnisse durchsetze, durchpauken. Das ist sein Machtverständnis. Eine Frau, Hannah Arendt, hat ein völlig anderes Machtverständnis gelehrt. Sie sagt zum einen: Macht, das Wort, kommt von Vermögen, von Möglichkeiten, von Potential, von Potenz. D.h. also: Je mehr ich um mein Vermögen und meine Fähigkeiten weiß, desto mächtiger bin ich, desto kompetenter. Zum anderen weist sie darauf hin, daß Macht immer an menschliche Beziehungen gebunden ist. D.h. Macht existiert nicht einfach so - wie z.B. Energie oder Kraft. Die existiert auch unabhängig vom Menschen. Aber Macht gibt es nur im Zusammenhang von zwischenmenschlichen Beziehungen. D.h. wenn Beziehungen aufgelöst sind, ist auch das Machtverhältnis aufgelöst. Und da Frauen einen primären Wert haben, der Beziehung heißt, verzichten sie hier sehr schnell zugunsten der Beziehung, zugunsten der Harmonie. Ich könnte mir vorstellen, daß das zu einer Urschuld der Frau werden könnte, auf Macht zu verzichten, die ihr zusteht. Z. B. die Natur hat den Frauen die Macht über neues Leben gegeben. Das neue Kind ist ein Naturgut. Und die Natur hat der Frau anvertraut, über dieses Leben zu entscheiden - ob sie es austragen will oder nicht. Jetzt wird diese Macht in ein Rechtsgut verwandelt. Und nun sind es Männer, die entscheiden - überwiegend immer noch. Der Paragraph 218 ist von Männern gemacht, und die daran festhalten, sind auch Männer. Etwas zynisch: Wetten, wenn Männer schwanger würden, dann würde Abtreibung zum Sakrament erklärt. Dann würde es anders aussehen. Nur ein Beispiel.
Es ist aber so: Wenn wir uns das Schuldverständnis der Theologen anschauen, wird immer wieder deutlich, daß sie männliche Schuld im Blick haben. Und das müssen wir uns immer wieder sagen. Eigentlich betrifft uns das gar nicht. Nur der Trick dabei ist, für die typisch männliche Schuld werden Frauen als Beispiel genommen. Es gilt z.B. einmal, das Synonym für Schuld oder Sünde ist Sexualität. Durch zwei Jahrtausende waren Frauen Sünderinnen, wenn sie irgendwie sexuelle Verfehlungen hatten oder Prostituierte waren, das war völlig klar. Wenn er "Sünder" war, war das überhaupt nicht klar. Also: Der Bereich Sexualität war ein typischer Bereich weiblicher Sünde. Wenn er zur Prostituierten ging, dann war er nicht sündig - aber sie, die Prostituierte, war sündig. So, jetzt wollen wir uns dieses anschauen: Sexualität gleich Sünde oder Sünde gleich Sexualität. Das galt ja wirklich bis weit in die siebziger Jahre. Es ist ein bißchen zurückgetreten in letzter Zeit. Das möchte ich nicht einfach wegwischen. D.h. ich möchte schon die Analyse der Männer ernst nehmen, ich möchte aber deutlich machen, die Analyse stimmt - für das männliche Geschlecht. Wenn ich landauf, landab sehe, wie Männer mit Sexualität umgehen, wie leichtfertig sie mit Ego-Interessen und mit Gewalt verknüpfen, wie sie Minderjährige vergewaltigen. Wie die eigenen Töchter, sogar sechs Monate alte Säuglinge nicht sicher vor ihnen sind. Wenn sie ganz Asien zu einem Bordell machen, nur weil ihre sexuellen Bedürfnisse auf jeden Fall befriedigt werden müssen. Dann würde ich sagen: Jawohl - männliche Sexualität ist Sünde. Das kann ich aber nicht ohne weiteres auf Frauen übertragen. Wenn aber männliche Theologen über Sexualität als Sünde schreiben, dann - unter Garantie - geben sie Frauen als Beispiel an für diese Art Sünde. Dasselbe gilt für den weiteren Komplex, nämlich das Seinwollen wie Gott. Das gilt auch als Ursünde. Wenn ich mir das so anschaue, dann denke ich: Ja, was Männer auf diesem Planeten anrichten, wie selbstherrlich und größenwahnsinnig sie Politik, Wissenschaft und Wirtschaft betreiben, dann würde ich wirklich sagen, ja, die wollen sein wie Gott. Und das ist in der Tat Sünde. Das ist aber nicht das Problem von Frauen - auch wenn moderne Theologen es dazu machen. Und dann, wenn sie diese Schuld - Seinwollen wie Gott - erläutern wollen, dann geben sie als Beispiel emanzipierte Frauen an. Frauen, die nicht mehr ihrer gottgewollten Rolle gerecht werden wollen, die ausbrechen wollen, die Freiheit haben wollen. Das ist dann Seinwollen wie Gott - also die theologische Definition. Ich denke, und das hat eine amerikanische Theologin bereits vor über 30 Jahren aufgezeigt: Weibliche Schuld sieht ganz anders aus. Weibliche Schuld ist eher, sich zu wenig zuzutrauen, sich selbst zu wenig zu lieben, sich zu wenig zu achten. Im Gegenteil: Sich und andere Frauen zu verachten. Friedrich Schleiermacher hat vor 200 Jahren schon seine zehn Gebote für die Frauen erlassen. Davon heißt ein Gebot an die Frauen: "Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen für die Männer. Du sollst ihre Barbarei nicht entschuldigen, weder mit Worten noch mit Taten." Ich denke, hier können wir unsere Schuld finden. Aber diese Art der Schuldfindung, nämlich echte Schuld hat nicht niederdrückende Wirkung, sondern sehr konstruktive, befreiende Wirkung. Normalerweise machen uns Schuldgefühle ängstlich, handlungsunfähig, erwecken Minderwertigkeitsgefühle usw., machen sogar depressiv.
Wenn wir lernen, diese falschen Schuldzuweisungen abzuwehren, und sie als Überlegungen über unsere echte Schuld erkennen und uns auf die Suche nach unserer echten Schuld machen, kann das ein befreiender Akt sein. Was ist nun unsere echte Schuld? Ich denke:
- Solange Frauen an ihrer lieblosen Behandlung mit teilhaben und sich nicht selbst lieben, werden sie schuldig.
- Solange sie sich an ihrer eigenen Ohnmacht beteiligen und Männern ihre Macht abtreten, werden sie schuldig im Sinne von einer Seinsschuld.
- Solange sie ihrer eigenen Benachteiligung zustimmen und sich nicht selbst gerecht werden, werden sie schuldig.
- Solange Frauen an ihrer eigenen Abwertung mitwirken und Männer aufwerten und ihnen Priorität einräumen in ihrem Leben, werden sie schuldig an sich selbst.
- Solange Frauen ihr eigenes Gewissen mit Selbstbezichtigungen belasten und nicht nach der Schuld der Männer und ihrem System fragen, werden sie schuldig an sich selbst und ihrem Geschlecht.
- Solange die Frauen ihren eigenen Bedürfnissen keine Autorität einräumen und männliche Bedürfnisse und Normen zu der Autorität in ihrem Leben schlechthin erklären, werden sie schuldig an sich selbst.
- Solange Frauen fremde Kriterien für wichtiger erachten als die eigenen, werden sie schuldig an sich selbst.
Das zu durchschauen, das zu erkennen, ist ungemein befreiend. Und das wünsche ich Ihnen.
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Dr. Christa Mulack *) Christa Mulack, ...und wieder fühle ich mich schuldig, Stuttgart 1993 (Mitteilungsblatt [Weiss nicht, was für eins!] 15. Jahrgang/Nr. 2, Juni 1998)
http://vereine.nordwest.net/vkpf/mulack.htm [gefunden: 23.1.2001]
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