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Subject:Abbasowas! Die befreite Frau (by Margarete Mitscherlich)
Time:03:20 pm

ABBASOWAS! B.B.'s SAMMELSURIUM

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NATUR ODER KULTUR... GESCHLECHTERROLLEN... GLEICHBERECHTIGUNG?!




Die befreite Frau
Nachdenken über männliche und weibliche Werte


Margarete Mitscherlich über das Ende der Friedfertigkeit

Hat Frieden noch eine Zukunft, oder sind wir wieder eine ganz "normale" kriegsfähige Nation geworden, fragt Margarete Mitscherlich.
Mit Hilfe der psychoanalytischen Theorie hat sich die Wissenschaftlerin mit Werten auseinander gesetzt, die als männlich und weiblich bezeichnet werden. Margarete Mitscherlich sprach am Sonntag im Renaissance-Theater in Berlin bei den vom Bertelsmann Verlag ausgerichteten "Berliner Lektionen". Wir dokumentieren Margarete Mitscherlichs Vortrag um den Eingangsteil gekürzt.

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(. . .) Die Geduld oder auch die Friedfertigkeit der Frauen ist die Macht der Männer, eine oft wiederholte Wahrheit. Die Frauenbewegung ist schon fast 200 Jahre alt, dennoch fällt es Frauen bis heute schwer, sich durchzusetzen, sich so viel Macht und Einfluss zu erobern, wie es ihren demokratischen Rechten entspricht, damit die Zukunft weiblicher wird, damit wir unseren Mitmenschen mit mehr Einfühlung und Achtung begegnen, Abschied nehmen von untergründig noch immer virulenten Größenphantasien einer männlich-rassistischen Vorherrschaft. Es gilt, die Gefühls- und Mitleidsunfähigkeit zu beenden, an die wir uns aus den zwölf barbarischen Jahren unter Hitler nur allzu gut erinnern und die wir im Umgang mit Asylbewerbern und Armutsflüchtlingen erneut praktizieren, die uns, wie es kürzlich hieß, nur "ausnutzen" und wenig nutzen.
Dass Werte zu Unwerten und Unwerte zu Werten werden, ist uns damals ohne jede Beschönigung vorgeführt worden. Wer diese Umwandlung nicht mitzuvollziehen bereit war, setzte sich oft drastischer Verfolgung aus. Gegen ihre Rolle als Dienerin und Gebärerin rassistischer Herrenmenschen hätte man von Frauen dennoch ein Mehr an gemeinsamem Widerstand erhofft, was wahrscheinlich eine Überforderung war. Aber Verantwortung oder gar Macht zu übernehmen, für neue eigene Rechte und Werte zu kämpfen, geht schnell verloren, wenn eine geschlossene Männerwelt dagegensteht. Mit dem Sich-Durchsetzen haben Frauen nach wie vor Probleme; Frauen auch in unserer Gesellschaft wird es nicht leicht gemacht, über sich und ihre Situation kritisch nachzudenken.
Macht vermännlicht, reden ihnen Männer noch heute ein. Frauen lassen sich zu leicht einschüchtern, wollen sich den Erwartungen entsprechend verhalten, damit sie geliebt werden können, wie ihnen das von Kindheit an beigebracht wurde. Um sich zu behaupten, müssten sie sich von einem Rollenverhalten lösen, das bisher nur Anerkennung brachte. Sachlich zu denken und zu erkennen, dass es darauf ankommt, was ein Mensch mit Einfluss oder Macht erreichen will, welche Ziele mit welchen Mitteln er oder sie wie verfolgt, gehörte nicht zu den Werten einer weiblichen Erziehung. Andererseits befürchten Frauen zu Recht, dass, wenn sie Macht übernehmen, sie sich mit der Art und Weise identifizieren werden, wie bisher Männer Macht ausübten. Sie haben oft genug erlebt, dass Frauen die Wertvorstellungen, die Vorurteile, auch Verhaltensweisen der mächtigen Männer nolens volens übernahmen. Wenn sie als einzelne Frau in einer Männerwelt eine mit Einfluss verbundene Position eroberten, wurden sie direkt oder indirekt durch die eigenen falschen, verinnerlichten Werte dazu gezwungen, diese nicht anders zu verwenden und zu verteidigen, als es in der männlichen Welt gang und gäbe war. Über andere Gründe für die Angst der Frauen vor Macht, wie Hassgefühle in der Mutter-Tochter-Beziehung, die Schuldgefühle auslösten oder Auflehnung der Töchter dagegen, so zu werden, wie sie ihre Mutter erlebten - über diese Probleme haben Psychoanalytiker und Feministinnen ausführlich diskutiert.
Es geht also darum, dass nicht nur wenige bevorzugte Frauen Macht und Einfluss gewinnen und sich so zwangsläufig in die Machtstrukturen der Männer einfügen, sondern darum - dass unseren demokratischen Werten entsprechend - die Macht zwischen Männern und Frauen geteilt wird. Die Bewusstmachung, dass es in der patriarchalischen Welt um falsche Rollenfixierungen und falsche Wertvorstellungen geht, ist Voraussetzung dafür, dass Frauen ihren Einfluss zur Durchsetzung neuer Werte geltend machen mit anderen Mitteln, als bisher üblich war.
Erst wenn die Mehrheit - Männer wie Frauen einer Gesellschaft - in der Beurteilung ihrer Werte übereinstimmt, sie sich zu Eigen gemacht hat, können sich die Verhaltensweisen auch der nachfolgenden Generationen verändern - das eben ist das Problem, mit dem wir zur Zeit im Fall der rechtsextremen männlichen Jugend konfrontiert sind, die uns so viel Angst wie möglich zu machen versuchen. Hinter vorgegebener politischer Korrektheit der Erwachsenen nehmen sie sehr wohl unsere Blindheit auf dem rechten Auge wahr, um sie mit Vergnügen auszunutzen, wissend, dass Zivilcourage auf solchem Boden kaum gedeiht. Zu wenig Geld, Mühe, Überlegungen stehen für Jugendliche zur Verfügung - im Westen wie im Osten -, die einer Freiheit ausgesetzt sind, mit der sie ohne menschliche Zuwendung, ohne Leitbilder kaum etwas anfangen können.
Dass gewalttätige Nazibanden sich zusammenfinden, ist in dieser Situation nicht verwunderlich. Es überrascht nicht, dass solche Banden mit ihren hochgefährlichen Aktionen im Osten häufiger auftreten als im Westen. Dort haben Jugendliche und deren Eltern bisher nur Diktaturen erlebt, erst Hitler, dann die dokrinierende Zwangsfürsorge der Ex-DDR.
Und was jetzt? Was können wir als Frauen an Aufklärung beitragen, ohne uns Illusionen über eine schnelle Änderung der Männerwelt zu machen und ihrem Bedürfnis, sich Feindbilder zu schaffen, die immer wieder zu Gewalt und Machtmissbrauch führt? Da es das Patriarchat, die Macht der Männer seit Jahrtausenden gibt, wird ein Umdenken, eine Verhaltensänderung nur mühsam zu erreichen sein, obwohl es nach dem Krieg schon Anlass zur Hoffnung gab.
Ein Blick auf die Geschichte mag hier von Nutzen sein. Dass dem Patriarchat ein Matriarchat vorausging, ist wahrscheinlich, aber als ein nachahmenswertes Vorbild, das traditionsabbildend sein könnte, ist es kaum zu gebrauchen.
Prähistorische Funde zeigen, dass Idole oft Frauen darstellen. Auch der Artemis-Kult der Antike in Ephesos (und an anderen von Archäologen erforschten Orten), mit den dort gefundenen Artemis-Statuen und Reliefs von Amazonen, hat noch in den Zeiten von Paulus zu großen Auseinandersetzungen zwischen ihm und den Bewohnern von Ephesos geführt. Aber trotz dieses Kultes, trotz der weiblichen Götterbilder herrschten auch damals die Männer. Seit Entstehung der Schrift, d.h. seit Beginn einer historischen Überlieferung, würden Frauen vom Patriarchat beherrscht, wenn es auch im Laufe der Jahrhunderte Unterschiede in der Machtverteilung der Geschlechter und der Erbfolge gegeben hat.
Die Ursache für die Vorherrschaft des Mannes wurde auf seine größere körperliche Stärke zurückgeführt. Mag dem so sein oder nicht, jedenfalls ist in unserer technisch-industriellen, vom Computer zunehmend beherrschten Welt die Macht von körperlicher Kraft längst unabhängig geworden. Information und Kommunikation sind zu den wichtigsten Faktoren auf den Weltmärkten geworden. Dafür werden - auch bei den Führungskräften - bisher als weiblich bezeichnete Fähigkeiten besonders gebraucht, wie Einfühlung, Sensibilität und schnelle Erfassung des anderen Menschen, seiner Reaktionen und Stimmungen. Deswegen - die Kunde hörten wir schon - wird das 21. Jahrhundert das der Frauen sein.
Wofür die Frauenbewegung seit ihrer Existenz kämpft, scheint angesichts einer "neuen Welt" fast überholt, die Art, wie sie sich für ihre Rechte einsetzt, spiegelt aber nach wie vor die Angst der Frauen vor Liebesverlust wider. Allzu ängstlich nehmen Frauen - noch heute - Rücksicht auf männliche Herrschaft und falsche Werte. Einigen konnten sich im Laufe der letzten Jahrhunderte die um ihre Freiheit ringenden Frauen darin, sich für gleiche Bildungsmöglichkeiten, für politische und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen und für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Tatsache bleibt, dass diese Grundrechte der Frauen - weltweit betrachtet - nur in verhältnismäßig wenig Ländern und auch nur annähernd erfüllt wurden.
Trotz der schweren Rückschläge und Enttäuschungen im Laufe der Jahrhunderte gaben Frauen ihren zähen Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Unvernunft und männlichen Wahnsinn nicht auf.
Dennoch fällt es vielen selbst dieser mutigen Frauen schwer, sich von männlicher Bevormundung zu lösen. So trennten sich die Frauen innerhalb der sozialistischen Internationalen zwar von überholten Rollenvorstellungen, fügten sich aber weitgehend der politischen Sicht der sie umgebenden Männer, für die die Gleichberechtigung der Frau nur eine sekundäre Frage in ihrem Klassenkampf war. Was daraus wurde ist bekannt. In den kommunistischen Ländern gab es kaum Frauen, die Führungspositionen innehatten.
Der bürgerliche Teil der Frauenbewegung orientierte sich weitgehend an konventionellen Rollenvorstellungen und an nationalistischen Werten. Die ihm angehörenden Frauen ordneten sich dem unter, was unter "Weiblichkeit" in diesem Milieu verstanden wurde. "In Deutschland müssen wir mit viel Taktgefühl und nach konservativen Methoden vorgehen", erklärten die Frauen des ADF (Allgemeiner Deutscher Frauenbund) in ihrer Botschaft an den Kongress (des Internationalen Frauenrates), um ihre Abwesenheit und ihren Verzicht auf Mitgliedschaft zu rechtfertigen. Zum endgültigen Bruch kam es 1894, als der Bund Deutscher Frauenvereine als Dachorganisation aller Frauenvereine gegründet wurde und die Mehrzahl der bürgerlichen Frauen die Aufnahme der sozialdemokratischen Arbeiterinnen ablehnte.

Das nationalistische Einschwenken der Frauen, das im Nationalsozialismus seinen Höhepunkt erreichen sollte, ist seit langem, spätestens 1871, in Teilen der deutschen Frauenbewegung zu beobachten. Gertrud Bäumer verstieg sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu folgenden Sätzen: "Der Tod auf dem Schlachtfeld ist eingefügt in die große Kette menschlichen Strebens und Ringens. Mit ihm erkauft ein Geschlecht Segen und Entfaltung für alle kommenden.
Aus dem Gefühl, dass ihm einzig von Millionen anderen beschieden ist, selbst seinem Tod noch den Adel eines Zweckes zu geben, hat zu allen Zeiten der Soldat es süß und erhaben gefunden, für das Vaterland zu sterben. Und das können die Frauen in tiefster Seele nachfühlen. Es ist ein mütterliches Grunderlebnis, dass Leben und Kraft hingeopfert werden muss, damit neues Leben umso schöner erblühen kann."
Von dieser Einstellung zur Mutterkreuzideologie im Hitlerreich ist der Weg nur kurz. Susan Sontags Definition der faschistischen Kunst als eine, die Unterwerfung glorifiziert, den blinden Gehorsam feiert und den Tod verherrlicht, trifft für die Geisteshaltung mancher Mitglieder der deutschen Frauenbewegung schon Jahre vor der Machtübernahme der Nazis zu. Die Sozialistinnen waren in den Augen solcher nationalistisch gesonnenen Frauen wie natürlich in denen der ihnen entsprechenden deutschen Männer "vaterlandslose Gesellen - bzw. Gesellinnen". Auch die radikalen Feministinnen, mit denen und deren Zielen sich die moderne Frauenbewegung weitgehend identifiziert, fielen aus diesem deutschnationalen Werteraster eindeutig heraus. Sie waren gegen "besondere Frauenrechte" in einer Welt der Männerbünde, in der Rechte dieser Art alles beim Alten lassen würden; sie kämpften vielmehr für eine grundlegende Auseinandersetzung mit bestehenden weiblichen Werten und Rollenvorstellungen, für eine Geschlechterbeziehung mit gleichem Recht für Mann und Frau, für die Befreiung von Männerherrschaft.
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg hatte es anfänglich den Anschein, als ob für Frauen eine neue Ära anbrechen würde. Diese Hoffnungen mussten bald begraben werden. Nicht zuletzt deshalb, weil der bürgerlich-angepasste, nationalistisch gesonnene Teil der deutschen Frauen weiterhin Idealen anhing, die die der Hitlerzeit vorwegnahmen.
So war auch der nationalsozialistische Männerbund mit seinem Antisemitismus, seinem Sozialdarwinismus, seiner Frauenverachtung keine Neuerscheinung, er hatte viele Vorgänger.
Hitler war äußerst geschickt darin, sich die Ressentiments gekränkter deutscher Männer anzueignen, die nach der Kapitulation 1918, dem "Schandvertrag" von Versaille und dem Elend des ökonomischen Absinkens ihren Höhepunkt erreichten. Als begabter Redner und Sprachrohr der Massen hielt er jene Kränkungen in ihnen wach, um sie aufzuputschen und für seine Zwecke zu beeinflussen. Die gekränkten deutschen Männer sahen in Hitler den Retter des Vaterlands. Sie kannten die Neigung des Führers zu extremen Entschlüssen und waren bemüht, ihm in der Durchsetzung seiner Wünsche so weit wie möglich zuzuarbeiten. Der Hass auf die Juden war das emotionale Movens, das Hitler antrieb.

"Jüdische Erfindung"
Für Hitler und seinesgleichen war auch die Frauenemanzipation eine "jüdische Erfindung", für andere Männer vor und nach ihm eine Vergewaltigung der Natur. Gottfried Feder (1932), der spätere Gründer der NSDAP, schreibt: "Durch die Kräfte der sexuellen Demokratie hat der Jude uns die Frau gestohlen. Unsere Jugend muss sich erheben, um den Drachen zu töten, damit wir von Neuem die heiligste Sache der Welt erlangen können, die Frau als Jungfrau und Dienerin."
Hitler brachte auf den perversen Höhepunkt, was jedoch vorher schon gedacht und als Werte und Ideale gepriesen worden war. Gerade das Aufheizen deutscher Ressentiments, deren Pseudorechtfertigung durch grobe Projektionen waren die Lunte, mit der das Feuer entfacht wurde.
Der massenhafte Zulauf in nationalsozialistische Parteien und deren verschiedenen Organisationen war offenbar nicht mehr aufzuhalten. Es fiel ihm und seinen Genossen auch nicht allzu schwer, manche Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung dazu zu bringen, sich für die nationalsozialistischen Frauenbünde zu entscheiden. Viele der Frauen hingen am Munde Adolf Hitlers mit religiöser Hingabe.
Die radikalen Feministinnen, die solchen Versuchungen nicht erlagen, und die Sozialistinnen wurden sofort nach der Machtergreifung Hitlers erbarmungslos verfolgt, eingekerkert oder vernichtet, wenn sie nicht emigrieren konnten. Mit der Zerschlagung des kämpferischen Teiles der Frauenbewegung, der für Frieden und Gerechtigkeit eintrat, hatte Hitler bis weit über seinen Tod hinaus Erfolg. Wie wir wissen, dauerte es mehr als 20 Jahre, bis Frauen sich von ihrer unbearbeiteten Erstarrung befreien konnten. Mit Beginn der NS-Herrschaft wurden reaktionäre Frauenbilder neu belebt und übertrafen an Sentimentalisierung und falscher Idealisierung der Frau einerseits und an Frauenverachtung andererseits alles bisher Gekannte. Ein keiner Reflexion mehr zugänglicher Komplex von Männlichkeitswahn, Paranoia und Gewalt war die Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie; "Humanitätsduselei" war ein von den Nazis häufig gebrauchtes Schlagwort, wenn Einspruch gegen das menschenverachtende Verhalten ihrer Anhänger erhoben wurde. Im Nu wurden aus Werten Unwerte und vice versa. Alles Christliche, wenn Sie so wollen, alles weiblich Einfühlende, alle Nächstenliebe war nur noch ein verachteter weibischer Unwert; wenn es um den höchsten Wert, die Rassenreinheit, ging, was hieß, "Deutschland von den zersetzenden, schmutzigen Elementen zu reinigen, die den deutschen Volkskörper zu zerstören drohen".
Auschwitz als Synonym für die Totalisierung technisierter Unmenschlichkeit war in den Augen der sich Härte, Rassenreinheit, vaterländische Treue und Heldentum als höchstes Gut abfordernden deutschen Männer des Dritten Reiches eine Art nationaler Selbsttherapie. Man reinigte sich und damit das "heilige Deutschland" von menschlichem Ungeziefer und menschlichen Krankheitserregern. Nicht zufällig waren Ärzte in diesen "Heilungsprozess" so tief verwickelt.
Indem sie die Juden zur gefährlichen Seuche erklärten, erkannten die harten deutschen Helden nicht, dass sie selbst mit ihren perversen und mörderischen Idealen die bösartigste Krankheit darstellten, die ein Volk befallen konnte.
Dem Zweck der Sauberkeit des "Heiligen Deutschland" hatte auch der deutsche Frauenkörper zu dienen, man erinnere sich nur an die Institution "Lebensborn". Gegen diese Einstufung der Frau als Gebärerin rassisch hochwertigen Nachwuchses wehrten sich sogar einige der sonst so willfährigen Nationalsozialistinnen, die nicht als "Zuchtstuten" angesehen werden wollten. "Zuchtstuten oder Arbeitspferd", so bezeichnete selbst Göring in den letzten Kriegsjahren das Dilemma des Umgangs mit Frauen in Deutschland.
Kritik oder gar Widerspruch gegen die ihr aufgezwungene Bestimmung als Frau wurde als "undeutsch" gebrandmarkt und war nicht ungefährlich.
Die Frauenfrage anders als ihren männlichen Wunschbildern entsprechend zu lösen kam einem Nazi als Mitglied der Herrenrasse gar nicht in den Sinn. Der Idealtypus des BDM oder NS-Frauenschaft (stramm, schmucklos, "eine deutsche Frau schminkt sich nicht" etc.) - den Durchschnittsdeutschen empfohlen -, entsprach jedoch dem Geschmack der NS-Größen nicht unbedingt, zumindest nicht, was das Äußere betraf, betrachtet man Eva Braun und Magda Goebbels. Beide waren auf Eleganz und gepflegte Schönheit bedachte Frauen, beide beteten den Führer an und beiden war auch er zugetan.
Sie sind für diese Lektion nicht nur interessant, weil es Berlin war, in der sie ihre letzten Tage verbrachten, sondern auch weil ihr Wunsch nach religiöser Hingabe an den gottgleichen Führer dem neurotischen Bedürfnis zahlreicher Frauen ihrer Zeit entsprach. Es war ihr freier Wille, ihrem Leben im Führerbunker ein Ende zu machen. Magda Goebbels schreibt: "Dass wir das Leben mit ihm (dem Führer) beenden können, ist eine Gnade des Schicksals, mit der wir niemals zu rechnen wagten."
Im Führerbunker wurde die Verbindung von "Kitsch und Tod" auf Grauen erregende Weise realisiert. Magda Goebbels lässt ihre sechs Kinder in weißen Nachthemden, mit weißen Schleifen im Haar vor dem Schlafengehen vergifteten Kakao trinken. Von den Russen wurden sie - wie schlafend - "in voller Schönheit in ihren Betten tot aufgefunden. "Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht wert, darin zu leben . . . Sie (die Kinder) sind zu schade für das nach uns kommende Leben." (Brief von Magda Goebbels an den ältesten Sohn Harald Quandt, datiert Führerbunker 28. April 1945).

Das Berlin der 20er Jahre wurde von vielen Zeitgenossen jeder Nationalität als die fortschrittlichste, interessanteste, kulturell bedeutendste Hauptstadt Europas beschrieben. Noch heute spricht und schreibt man in aller Welt von der ungewöhnlichen Ausstrahlung, die diese Stadt zu jener Zeit auszeichnete. Gerade diese kulturelle Vielfalt, von der sie nichts verstanden, war Hitler und seinen Genossen ein Dorn im Augen. Langsam aber sicher unterminierten seine Schlägertrupps die einzigartige Kultur dieser Stadt. Ab 1933 war die endgültige kulturelle Zerstörung vorauszusehen. Als 1945 Hitler und Goebbels im Führerbunker ihr Leben beendeten, war es ihnen gelungen, Berlin in jeder Hinsicht zu einem Trümmerhaufen zu machen.
Danach waren es die Frauen, die wieder aufzuräumen begannen, die als "Trümmerfrauen" in die Geschichte eingingen. Sie hatten während des Krieges, als sie ohne Männer waren, selbstständiges Handeln und Entscheiden gelernt. Was wurde später aus der Selbstständigkeit dieser Frauen, die in Deutschland die Ersten waren, die ein Bedürfnis nach Wiederherstellung und Lebensmut zeigten? In den 50er Jahren erlebten wir die Rückkehr zu einer konservativen Familienidylle mit bürgerlichen Werten von vorgestern. Es war eine Atmosphäre des um jeden Preis Vergessen- und Verdrängen-Wollens. Die erschöpften Frauen gaben offenbar den zurückkehrenden Männern nach, die darum kämpften, ihre verlorene Autoriät als Pater familias zurückzugewinnen.
Erst Ende der sechziger Jahre begannen sich Söhne und Töchter aus der Welt einer familiären Pseudoidylle und deren Lebenslügen zu lösen. Die Söhne probten den Aufstand gegen die Väter. Die Töchter solidarisierten sich und gründeten die neue Frauenbewegung, die so militant war, wie es keine bisher in Deutschland gegeben hatte. Ihr Kampf gegen Verlogenheit, doppelte Moral und falsche Werte war dauerhafter als der der Männer und hat die Gesellschaft hier zu Lande mehr verändert, als manche es wahrhaben wollen. Bis heute hat sie ihre Wirkung auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern und deren Welt der Werte nicht verloren, wenn auch für viele der jüngeren Frauen schon alles gewonnen scheint und das Interesse am gemeinsamen Einsatz bei ihnen zurückgegangen ist.

Macht und Erfolg
Wie sollte es auch anders sein. Sich von tradierten Verhaltensweisen zu lösen, bleibt mühsam. Nach wie vor neigen ganz gewöhnliche Frauen dazu, sich den "Werten" der Männer anzupassen und sich gegen deren rigide Vorstellungen von Weiblichkeit nicht genug zu wehren. Darauf lässt sich auch zurückführen, dass unsere mühsam errungene "Demokratie" mehr oder weniger eine Demokratie der Männer geblieben ist.
Hinzu kommt, dass zwischen Männern - trotz aller Rivalitätskämpfe - offenbar eine starke homoerotische Bindung aneinander besteht, die die Frauen erst noch lernen müssen. Macht und Erfolg machen erotisch, so heißt es im Volksmund. Ohne gemeinsamen Kampf der Frauen um gesellschaftlichen Einfluss, ohne schnelle Aussicht auf Erfolg ging auch der Frauenbewegung die erotische Ausstrahlung der ersten Jahre wieder verloren, zumindest ist sie in den letzten Jahren geringer geworden. Es muss offenbar die Initiative aus der Frauenbewegung selber kommen. Sie darf die Fähigkeit zu Aktion, Spaß, Einfallsreichtum nicht verlieren und sollte nicht zu einer sauertöpfischen Ideologie werden, einander "Solidarität" als Beschränkung der Denkfreiheit abverlangen oder sich gar durch die neidische, missgünstige oder Angst abwehrende Kritik der Männer Lust und Mut nehmen lassen.
Anstatt die Frauenfrage zu lösen, hat die männliche Gesellschaft ihr eigenes Prinzip so ausgedehnt, dass die Opfer die Frage gar nicht mehr zu fragen vermögen, stellte Adorno noch 1951 fest. Die Gefahr dass es wieder rückwärts geht, besteht immer, wenn wir nicht lernen, weibliche Friedfertigkeit rechtzeitig aufzukündigen, wie es gilt, männliche Gewalt und Machtmissbrauch zu bekämpfen.
Der Nahe Osten ist ein trauriges Beispiel dafür, wie schnell wir Frauen den Männern wieder ausgeliefert sein können. In den nach muslimischem Recht regierten Ländern wurden Frauen so gut wie alle Rechte, die man ihnen schon zugestanden hatte, in den letzten Jahrzehnten wieder genommen. Wer zu lange Opfer ist oder die Rolle des Opfers übernimmt, wie das für Frauen über Jahrhunderte selbstverständlich war, neigt zu dem Glauben, dass es für ihn etwas anderes als Machtlosigkeit nicht geben kann. Hat Adorno also doch Recht?
Es ist bekannt, dass Frauen, die zu einer Verinnerlichung ihrer Aggressionen erzogen werden, dazu neigen, mit den ihnen traditionell unterstellten Schuldgefühlen - mehr an sich als an ihre Schutzbefohlenen zu denken -, nicht opferbereit genug zu sein, besonders gut manipulierbar sind. Ihnen fehlt die Distanz zu solchen Vorwürfen. Sie können oft angemessene von unangemessenen Schuldgefühlen nicht unterscheiden. Männer nutzen das nicht selten aus. Sich von solcher Resignation und falschen Vorstellungen von Weiblichkeit zu befreien, Machtlosigkeit nicht mit Schuldlosigkeit zu verwechseln, ist eine Aufklärungsarbeit für Frauen wie für Männer, deren Ende noch nicht absehbar ist.
Frauen und Männern wurden verschiedene Bereiche als ihrem Geschlecht entsprechend zugeschoben: die Welt der Gefühle für die Frauen, die des Verstandes für die Männer, Vorurteile über Vorurteile. Durch die Arbeiten Freuds und seiner Nachfolger wurde darüber aufgeklärt, in welchem engen Zusammenhang sie miteinander stehen. Es gibt Emotionen, die den Verstand vernebeln, und solche, die ihn erhellen, bzw. ein Verstand ohne Wissen über seine Gefühle ist der Flachheit und den Begrenzungen des Denkens ausgeliefert. Mittlerweile ist es Forschern auf unterschiedlichen Gebieten klar, dass die Qualität des Verstandes von der Lebendigkeit der Gefühle abhängt, bzw. der Fähigkeit, diese differenziert wahrzunehmen. Dazu bringt die Frau die besseren Vorbedingungen mit.

Zusammenfassend lässt sich zum Thema Werte sagen: Eine von tradierten Wertvorstellungen geleitete Erziehung produziert weibliches und männliches Rollenverhalten, familiäre und gesellschaftliche Arbeitsteilung, wie den geschlechtsspezifischen Umgang mit Einfluss und Macht. Die den Frauen durch ihre Erziehung nahe gelegten Werte der "Weiblichkeit" haben auch ihre Vorzüge, denn Frauen lernen durch deren Verinnerlichung differenzierter mit ihren Gefühlen umzugehen, der Kontakt zu ihrer Gefühlswelt ist gewöhnlich ungestörter als beim Mann.
Leichter als er kann sie sich deswegen in andere Menschen einfühlen und den Anderen als Anderen wahrnehmen, was die Entwicklung der emotionalen Intelligenz fördert. Wenn sich solche Fähigkeiten mit Wahrheitsliebe und Durchsetzungsvermögen verbinden, lernen Frauen, mit Macht einsichtiger und menschenfreundlicher umzugehen als es der Männerwelt bisher gelungen ist.
Gesellschaftlich bestimmtes geschlechtsspezifisches Rollenverhalten führt dazu, dass die vielfältigen Identifikationsangebote frühzeitig unterbunden werden. Auf die für beide Geschlechter mögliche Verinnerlichung von Eigenschaften, wie Einfühlung in das eigene wie ins fremde Seelenleben könnte vor allem ein Mann profitieren und sich dadurch von früh sich herausbildenden Abwehrstrukturen erlösen.
Verhaltensweisen, die bisher nur Männern erlaubt waren, wie Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewusstsein, Freude am Erfolg, Erotik der Macht, von Frauen übernommen, könnten das Leben von Frauen wie Männern verändern und die Gesellschafts kreativ beeinflussen, sie von einer erstarrten weiblichen oder männlichen "Identität" befreien. Im Mythos vom androgynen Menschen bei Platon ist mit "androgyn" die Utopie eines dritten Geschlechts, eines "vollständigen" Menschen gemeint, der Männlichkeit und Weiblichkeit in sich vereint. Offenbar braucht nach Platon der Mann feminine Eigenschaften, um "Vollständigkeit" zu erreichen, was von der Männerwelt für die Frau umgekehrt damals bis heute eher nicht gewünscht wird - oder doch?
Die befreiten Frauen in ihrer besonderen sensiblen Intelligenz haben diese Möglichkeiten für sich bereits wahrgenommen, um sie für ihr Leben zu nutzen.
Zm Schluss möchte ich noch auf den Titel des Vortrages eingehen, der eine recht doppeldeutige Botschaft zu vermitteln versucht. Einerseits spricht er einen möglichen Wertewandel der Männer an, die erstmalig nach 1945 an Kriegshandlungen teilnehmen - nicht ohne Gewissenskonflikt, den sie mit etwas abwegigen Begründungen abzuwehren versuchen -, andererseits fordert der Titel die Frauen auf, ihre berühmte Friedfertigkeit den Männern gegenüber aufzugeben und von ihnen zu fordern, in die Wertewelt, die sie erstmalig für kurze Zeit mit ihnen teilten, zurückzukehren. Wir werden sehen, was daraus wird.

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http://www.fr-aktuell.de/fr/160/t160001.htm
[gefunden: 24.1.2001]


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