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ADAM UND EVA - EVOLUTION |
Klassische Evolutionstheorie: Nein, der Mensch stammt nicht vom Affen ab! [Zumindest nicht von heute noch existenten Affenarten... Gorillas oder Schimpansen sind also nicht irgendwie Urahnen von uns...] Menschen und Affen haben aber einen gemeinsamen Vorfahren - die Evolutionszweige haben sich vor Jahrmillionen getrennt... [Heutige Menschenaffen sind also gewissermassen entfernte Cousins!]
Aus der BASLER ZEITUNG vom 3.1.2001:
Wie der Mensch - über Irrwege - Mensch geworden ist
Von Andreas Mahler
Der Mensch stammt vom Affen ab, und die Wiege der Menschheit liegt in Afrika. So knapp lässt sich unsere Herkunft erzählen. Aber schon einfache Fragen wie «Was sind eigentlich Menschen?» und «Wann wurden wir zu Menschen?» werden verfänglich. Denn die Abstammungsgeschichte unserer Gattung ist keine zielgerichtete Treppe zum Gipfel der Schöpfung, sondern ein verschlungener Pfad mit Unterbrechungen und Irrwegen, auf dem zudem zahlreiche definitorische Fallgruben und logische Abgründe liegen.
Die Paläoanthropologie, die Wissenschaft vom fossilen Menschen, die den reizvollen Pfad der Menschwerdung zu rekonstruieren versucht, ist so populär geworden wie kaum ein anderes akademisches Fach. Das hat nicht allein damit zu tun, dass jeder gern wissen will, wo er herkommt. Es rührt auch daher, dass Faktoren und Prozesse der Evolution nicht nur mit naturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden, sondern die Geschichte der Menschwerdung historisch ausgerichtet ist. Erst durch die deutende Fantasie des Historikers entsteht aus den exakt vermessenen Knochen und Schädeln ein lebendiges Bild längst vergessener Zeiten.
Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein waren es vor allem die Fossiljäger, die uns mit ihren neuesten Schädelfunden faszinierten. Anthropologen wie die Leakeys brachten uns mit ihren Expeditionsberichten einen Hauch von Abenteuer ins Wohnzimmer.. Fundberichte wie die über den «Jungen vom Turkanasee» waren ergreifend, und «Lucy», die 3,6 Millionen Jahre alte Australopithecine, wurde vielleicht berühmter als der namengebende Beatles-Song. Solche Funde lösten stets heftige Debatten über die richtige zeitliche und typologische Einordnung der Funde in den evolutionären Stammbaum aus. Manche Forscherfreundschaft ging darüber zu Bruch.
Was kann der Affe? Mittlerweile ist die Paläoanthropologie im Grunde nurmehr Deckname für die verschiedensten Disziplinen, die sich gegenseitig in der Rekonstruktion der Vor- und Frühgeschichte des Menschen befruchten. Die vergleichende Tierkunde etwa hat die Verhaltensweisen der Affen erforscht, und in Experimenten à la «Was kann der Affe?» wurden Menschenaffen immer menschlicher. Das hat uns Rückschlüsse auf unsere äffischen Vorfahren ermöglicht. Aus der ethnologischen Beschreibung primitiver Stadien von Jäger- und Sammlergesellschaften holte man sich Lebensbilder, um sie in die fernste Vergangenheit zu projizieren. Die Molekularbiologie wies auf die weit gehende Ähnlichkeit des menschlichen Genoms mit dem des Schimpansen hin und errechnete den Zeitpunkt, da sich stammesgeschichtlich Affe und Mensch trennten. Und die Paläoökologie lieferte in den letzten zwei Jahrzehnten Hinweise auf die Dynamik der afrikanischen Umwelt, die als Motor der menschlichen Evolution gilt.
Es gibt drei wichtige Marksteine auf dem unübersichtlichen Pfad der Menschwerdung: den aufrechten Gang, eine Erbschaft der Australopithecinen, das Gehirn, dessen Grösse sich im Laufe der Hominidenentwicklung verdreifacht hat, und die Sprache, die vielleicht entscheidende Antwort auf die Frage, was ein Mensch sei.
Der aufrechte Gang Die aufrechte Körperhaltung ist das auffälligste Merkmal des Menschen und zeichnet ihn vor den anderen, heute lebenden Primaten aus. Zu Recht ist das Erscheinen des aufrechten Gangs als der erste wichtige Markstein auf dem Pfad der Menschwerdung charakterisiert worden. Um zu verstehen, warum er sich entwickelt hat, muss man sich zunächst vergegenwärtigen, dass im mittleren Miozän vor etwa zehn Millionen Jahren eine weltweite Klima-Abkühlung zu einschneidenden Umweltveränderungen führte. Über Ostafrika verringerten sich die Niederschlagsmengen dermassen, dass sich die geschlossenen Wälder auflösten. Sogar Savannen kamen allmählich auf. So trieb eine Makroevolution die Mikroevolution der Hominiden an. In den lichten Waldarealen musste jener Affe gelebt haben, der sowohl auf Bäumen hangelte als auch auf dem Boden sich recht und schlecht fortbewegte - ein mittelmässiger Allrounder also, der als gemeinsamer Vorfahre der heutigen Menschenaffen und der Hominiden gehandelt wird. Als Typus ist er noch ein echtes missing link in der Fossilgeschichte und gehört zu den reizvollsten Steckbriefen auf dem Schreibtisch der Anthropologen. Während die einen Primaten dem Leben in den Bäumen verhaftet blieben, suchten andere ihr Glück immer mehr auf dem lichten Erdboden, der sich wie eine Bühne vor ihnen auftat. Damit trat das Experiment der Zweibeinigkeit in eine entscheidende Phase. Es waren vor allem die Australopithecinen, die Südaffen, die vor etwa 4,5 Millionen Jahren sich richtiggehend aufrecht durchs Leben schlugen. Die Frage, warum das geschah, ist so alt wie die Evolutionsforschung selbst, und manch einer verband damit schon ein erstes Menschendasein. Die einen sagen: damit die Hände frei sind, um nahrhafte Früchte von den Bäumen zu pflücken, die anderen: damit er frei über die Savannen schauen oder stets Werkzeuge bei sich tragen kann. Einmal abgesehen vom Wert solcher Erklärungen, verrät das Wörtchen «damit», dass solche Theorien auf ein «Warum?» final antworten und dadurch eine zielgerichtete Entwicklung postulieren. Aber Zielgerichtetheit in der Evolution ist den Darwinisten - und so gut wie jeder Anthropologe ist heute zumindest ein bisschen Darwinist - so verhasst wie dem Teufel das Weihwasser. Deshalb favorisiert man zurzeit eine schlichte Kosten-Nutzen-Rechnung, die darauf hinausläuft, dass in den sich immer mehr öffnenden Waldgebieten die Nahrungsquellen so verstreut wurden, dass ihre Nutzung eine energetisch günstigere Form des Umherziehens erforderte. Damit sich der aufrechte Gang entwickeln konnte, musste es lediglich einen Selektionsdruck für diese Fortbewegungsweise geben. Das ist gut darwinistisch formuliert, und die Mutationsraten tun das Übrige. In populären Büchern über das Rätsel der Menschwerdung gibt man sich meistens mit solchen Erklärungen zufrieden, obwohl das Dilemma bleibt. Denn können zufällige Mutationen bewirken, dass ein Affenskelett sich nach und nach in eines des Vormenschen verwandelt? Manfred Eigen, der Nobelpreisträger, der sich mit der Selbstorganisation des Lebens beschäftigt hat, bejaht es und hilft dem Zufall auf die Sprünge. Denn seiner Meinung nach sind Mutationen zwar zufällig, treffen aber auf eine innere Wertelandschaft der genetischen Konstellation, die Mutationen erfolgsorientiert akkumulieren kann. So hätte das Genom durch eine ausgeklügelte Zielsuche den aufrechten Gang vorausgeplant. Das ist eine aufregende Theorie, denn die moderne Molekularbiologie und Genetik tun sich als Hintertür für längst abgelegte Evolutionstheorien auf - etwa für die Theorie der Epigenese, nach der Eigenschaften, die im Laufe eines Lebens erworben werden, auch vererbt werden können.
Die Grösse des Gehirns Die relative Grösse des Gehirns ist ein guter Gradmesser für die kognitiven Fähigkeiten der Säugetiere. Schon die Australopithecinen, die kaum mehr als 1,50 Meter gross wurden und keine 50 Kilo auf die Waage brachten, hatten mit 500 Kubikzentimeter Volumen ein im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht grosses Gehirn. Bei Homo rudolfensis, der ältesten Art der Gattung Homo, erreichte der Schädel vor 2,5 Millionen Jahren 700 cm3 Inhalt. Mit teilweise mehr als 1500 cm3 Volumen hat der Neanderthaler das grösste Gehirn entwickelt. Der heutige, graziler gebaute Mensch hat im Verhältnis zu seinem Körpergewicht durchschnittlich ein etwa dreimal so umfangreiches Gehirnvolumen wie es normalerweise bei einem Primaten zu erwarten ist. Das Gehirn ist insofern ein ganz besonderes Organ, weil es, um zu funktionieren, sehr viel Energie verschlingt - beim Menschen etwa 20 Prozent des gesamten Energiehaushalts. Zu seinem Aufbau benötigt das Gehirn neben Eiweissen vor allem Phosphorverbindungen. Phosphor ist jedoch rar in der Natur, kommt konzentriert vor allem in Knochen und Fleisch von Tieren vor. Das enorme Grössenwachstum des Gehirns im Laufe der Hominiden-Evolution kann physiologisch gesehen nur auf einem reichhaltigen Angebot dieses Lebensstoffes beruhen. Wer ein so grosses Gehirn wie die Hominiden haben will, muss Fleisch essen. Die Australopithecinen werden erstmals an Kadavern gefleddert haben, zumal das kaum Einsatz an eigener Energie gekostet hat. Diese Vormenschen mussten nur clever genug sein, vor anderen Fleischfressern, insbesondere den Raubtieren, am richtigen Ort zu sein. Das Angebot war reichhaltig. Grosse Herden an Huftieren zogen grasend über die Savanne von Ostafrika, und Homo erectus verliess Afrika als erster in starkknochiger Statur. Fleischessen ist aber nicht alles. Sonst hätten ja alle Raubkatzen ein grosses Gehirn. So stellt sich wieder jene verzwickte Frage, warum sich ein energetisch so teures Organ überhaupt entwickelt hat. Finale Antworten in dem Sinne, damit der Homo sapiens eben klug werde oder der Mahler später Sinfonien komponiert, gibt es zuhauf. Manche Neurologen meinen, dass das Gehirn sich vergrössert habe, um schlichtweg als Schutzschild vor der sengenden afrikanischen Äquatorsonne zu fungieren. Je grösser das Organ, desto eher konnte mal eine neuronale Schaltung überhitzt ausfallen, ohne Schaden anzurichten. Damit wäre die Entstehung eines hochkomplexen Organs aus einem primitiven Vorläufer erklärt. Biologen nennen das «Präadaptation», die philosophische Anthropologie heisst es «Emergenz». Entscheidend ist, dass andere Sonderheiten der Hominidenentwicklung hinzutreten und zusammenspielen: etwa die soziale Gruppenbildung, eine alte Erbschaft der Affen, die Vorteile bei der Nahrungsbeschaffung und Verteidigung bringt; oder die Neotonie, das Phänomen, dass Babys immer früher zur Welt kommen und Entwicklungsschritte, die andere Säuger noch im Mutterleib vollziehen, erst nach der Geburt ausbilden. So wird das Gehirn bezeichnenderweise noch nach der Geburt im Wechselspiel mit seiner Umwelt geprägt. Und vor allem spielt der Werkzeuggebrauch eine Rolle, der von den Zwängen der eigenen Natur und denen der Umwelt emanzipiert. Der scharfkantige Abschlag eines Steines ersetzt Reisszähne, der Speer die Schnelligkeit eines Raubtieres. Erst nach der Erfindung dieser zweiten Natur konnte der Anthropoide Afrika verlassen und der Kälte mittels Behausung, Fellkleidung und Feuer trotzen. Ist das schon das Signum des Menschseins?
Der Erwerb der Sprache Der Erwerb von Sprache wurde oft als Schlüsselmerkmal in der Evolution zum Menschen betrachtet. Erst durch diese Kommunikationsfähigkeit soll unser Urahn fähig gewesen sein, sich gegen all die Widrigkeiten auf der ganzen Erde auszubreiten. Anatomisch gesehen hängt unsere Sprechfähigkeit von einem stimmbildenden Organ ab. Der Kehlkopf muss tief im Halsbereich liegen, damit im Rachen das ganze Spektrum an Lautäusserungen gebildet werden kann. Bei den anderen Säugetieren sitzt der Kehlkopf so hoch, dass er eine differenzierte Lautsprache verhindert. Was bleibt ist Grunzen, Bellen, Wiehern und Muhen. Dafür vermögen Tiere gleichzeitig zu atmen und zu trinken; auch neugeborene Kinder weisen dieses tierische Grundmuster in den ersten eineinhalb bis zwei Jahren auf. Erst mit zirka 14 Jahren ist dann die ausgereifte Stellung des Kehlkopfs erreicht - ein schönes Beispiel dafür, wie die Ontogenese Stadien der Hominidenentwicklung wiederholt. Denn die typisch menschliche Stellung des Kehlkopfes ist erst vor 300'000 bis 200'000 Jahren beim archaischen Homo sapiens und beim späten Neanderthaler vor etwa 60'000 Jahren nachgewiesen. Sprachfähigkeit hängt natürlich nicht nur an einem Sprechapparat, sondern setzt ein im Gehirn assoziiertes Sprachzentrum voraus. Eines davon ist das Broca-Zentrum, das sich durch eine kleine Vorwölbung auf der linken Schläfenregion des Gehirns bemerkbar macht. Eine solche kleine Beule lässt sich aber schon an den Schädeln des Homo habilis nachweisen, der vor zwei Millionen Jahren in den Savannen Ostafrikas die ersten Steinwerkzeuge herstellte. Die Frage ist, wie diese riesige zeitliche Diskrepanz zwischen der Abstimmung von neuronaler Software und anatomischer Hardware zu verstehen ist. Da die Gehirnforschung den neurologischen Zusammenhang zwischen der Geschicklichkeit der Hände und des Sprachvermögens nachgewiesen hat, lag es nahe, die Werkzeugtechnologie als Analogon unter die Lupe zu nehmen. Dabei musste auffallen, dass sich die Entwicklung der Steinabschlagtechnik nur sehr langsam und allmählich vollzogen hat. Erst gegen Ende des Acheuléen, vor zirka 250'000 Jahren, als der archaische Homo sapiens die Faustkeile sorgfältiger bearbeitet, verändert sich auch die so entscheidende Position des Kehlkopfes. Das Gehirn hat sich während der Evolution von Homo habilis zu Homo sapiens enorm vergrössert. Das ist gewiss. Aber was hat sich sonst in den Köpfen der Hominiden getan? Darüber wissen wir wenig. Und worüber wir wenig wissen, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Eine einfache Theorie geht davon aus, dass die Sprachfähigkeit als eine späte Entäusserung einer allgemeinen «Mentalisierung» des Gehirns aufzufassen sei. Der quantitative Zuwachs des Gehirns habe kognitive Leistungen hervorgebracht, zu denen auf höherer Ebene Denkvorgänge zählten, die Aktivitäten, Handlungen und Folgen simulierten. «Was passiert, wenn ich auf einen Stein hämmere?» oder: «Was geschieht, wenn ich X angreife?» Solche Gedanken sind Hilfsmittel, um sich die verschiedenen Auswirkungen vorzustellen und durchzuspielen, ohne Energie zu verbrauchen beziehungsweise Risiken einzugehen, was bei tatsächlichen Handlungen der Fall wäre. Der harte Kern der Verstandesfähigkeit besteht im geistigen Probehandeln, eine wichtige Vorstufe der Sprache. Demnach wäre das Wesentliche der Sprachfähigkeit, nämlich Dinge oder Handlungen mittels eines sprachlichen Symbols einem anderen Menschen mitzuteilen, innerlich schon hunderttausende von Jahren geübt worden.
Dreimal verliessen die Hominiden Afrika. Zuerst Homo erectus, dann der Neanderthaler. Beide scheiterten. Homo sapiens nahm den dritten Anlauf und war erfolgreich. War es eine Vertreibung aus dem Paradies?
+ + + + + + Donald Johanson/Blake Edgar: Lucy und ihre Kinder. Sonderausgabe Spektrum 2000, Fr 46.-. Robert Foley: Menschen vor Homo sapiens. Jan Thorbecke Verlag 2000, 166 S., Fr 46.-.
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